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Abbas Khider spricht über Leben und Werk, Claudia Kramatschek moderiert. Foto: be
Abbas Khider spricht über Leben und Werk, Claudia Kramatschek moderiert. Foto: be

Abbas Khider ist Lüneburgs Heinrich-Heine-Gastdozent 2016

ff Lüneburg. Mit dem ersten Satz des Romans „Ohrfeige“ ist es schon geschehen: Gerade hat der Asylbewerber Karim Mensy der Frau Schulz, der für ihn zuständigen Sachbearbeiterin der Ausländerbehörde, eine gescheuert. Jetzt fesselt er sie auch noch an den Stuhl, verklebt ihr den Mund und beginnt zu reden. Karim will in Ruhe reden, endlich einmal „von Mensch zu Mensch“, wie er sagt, nun dreht er sich erst einmal einen Joint und lehnt sich zurück.

So beginnt also die „Ohrfeige“, die vierte Erzählung von Abbas Khider. Der Autor, 1973 in Bagdad geboren, ist der Heinrich-Heine-Gastdozent 2016 des Literaturbüros und der Leuphana, die Auszeichnung wird seit 2009 vergeben.In einer öffentlichen Lesung sprach er mit der Kulturjournalistin Claudia Kramatschek über sein Leben und sein Werk. Beides ist nicht voneinander zu trennen, sein Flüchtlingsroman ist aktuell, autobiographische Elemente durchziehen seine Bücher. Aber als die Moderatorin fragt, ob er den Flüchtlingen eine Stimme geben wolle, ist seine Position verblüffend eindeutig: „Nein“.

Eine Frau zu schlagen und zu knebeln — damit schafft man natürlich auch keine Verbündeten. Generell sind seine Protagonisten mit ihren knallharten Überlebensmethoden nicht grundsätzlich Sympathieträger. Aber Abbas Khider begreift seine Erzählungen als Literatur, nicht als Ego-Reportagen. Dafür erhielt er unter anderem den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis, er ist für — auf Deutsch schreibende — Schriftsteller gedacht, deren Werk von einem Kulturwechsel geprägt ist. Khider wurde wegen seiner politischen Aktivitäten im Irak als 19-Jähriger zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Seit 2000 lebt er in Deutschland (seit 2007 als Staatsbürger), studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam — und wurde durch die deutschen Denker gezwungen, die Muttersprache aufzugeben: „Kant, Heidegger, Hegel — da war mein Wörterbuch sinnlos“, so Abbas Khider, „die benutzten Wörter, die im Arabischen völlig unbekannt sind“.

Die deutsche Sprache schaffte eine neue Heimat und Distanz zur alten: Auf die Erinnerungen etwa an erlittene Folter in Saddam Husseins Kerkern und die anschließende Ost-West-Odyssee kann der fröhlich und spontan wirkende Schriftsteller wohl auch ganz gut verzichten. Als „leichtfüßiges Erzählen von schweren Dingen“ bezeichnet Claudia Kramatschek seine Texte, und dazu gehören nun auch die Abenteuer des Karim Nesey, der sich auf etwas zweifelhafte Art Gehör verschafft. „Ohrfeige“ spielt 2001, in der Folge von 9/11, und wurde von den Lektoren zunächst als „unverkäufliches Thema“ eingestuft. Ärger gab es bei Auftritten in den neuen Bundesländern, Khider wurde bedroht. Rund 50 Lesungen hat er seither absolviert, alle im Westen — die Ost-Termine wurden komplett abgesagt.