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Annegret Soltau, 1946 in Lüneburg geborene Künstlerin, in der KulturBäckerei vor ihren Fotoradierungen mit dem Titel Hindurchgehen. Foto: t&w
Annegret Soltau, 1946 in Lüneburg geborene Künstlerin, in der KulturBäckerei vor ihren Fotoradierungen mit dem Titel Hindurchgehen. Foto: t&w

Annegret Soltau stellt in der KulturBäckerei aus

oc Lüneburg. Selten sind Leben und Kunst so eng verwoben wie in dieser Ausstellung. Das eigene Leben und der eigene Körper dienen der Künstlerin Annegret Soltau schon immer als Thema und, so brutal es klingt, als Material. Es geht um Identität, um Verlust, um Schmerz, um das Suchen nach etwas, das nicht zu bekommen ist. Annegret Soltau wurde 1946 in Lüneburg geboren, wuchs bei der Großmutter auf, und die Geschichte dahinter hat niemals Ruhe gegeben. Das ist bei der ersten Ausstellung der Künstlerin in ihrer Heimatstadt ein prägendes, greifbares Thema. Die KulturBäckerei bietet den würdigen Ort für eine Künstlerin, deren Werk international präsent ist und den Weg in Schulbücher gefunden hat.

Die Schublade, in die Annegret Soltau gepackt wird, heißt „Feministische Kunst“. Die Lade ist groß, dort sind Frauen wie Louise Borgeois, Valie Export, Sara Schumann, Cindy Sherman, Yoko Ono und viele weitere anzutreffen — eine gute Umgebung. Aber natürlich greifen Plakatierungen zu kurz, viel zu kurz. Annegret Soltaus Kunst ist zugleich eine sehr persönliche, und vielleicht war sie das nie so wie jetzt in Lüneburg. Ein Ort, der in ihrem Leben eine kurze, wichtige und pro­blematische Rolle spielt.

Ihr Vater war mutmaßlich ein Soldat, sie hat ihn nie kennengelernt. Er wurde Thema einer langen Suche, die in Kunst mündete. Die Mutter gab die Tochter an die Großmutter nach Elbstorf, heute ein Teil von Drage in der Samtgemeinde Elbmarsch. Annegret war, was die Eltern betrifft, ein verlassenes Kind, zumal die Mutter sich nicht wirklich zu ihr bekannte. Ein uneheliches Kind kurz nach dem Krieg — ein Makel. Mit ihm leben musste das Kind. Annegret Soltau hat sich an dieser Geschichte abgearbeitet.

Zuvor studierte sie an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Zu ihren Lehrern zählen David Hockney und Rudolf Hausner. Seit 1973 lebt sie mit dem Bildhauer Baldur Greiner in Darmstadt. „Teilen­­_Verbinden“ nennt Soltau ihren von Enno Wallis für Lüneburg kuratierten Blick aufs Werk.

Berühmte Fotovernähungen

Berühmt sind vor allem die Fotovernähungen: Nackt sind die Künstlerin selbst und — generationsübergreifend — weibliche Mitglieder ihrer Familie zu sehen. Die Fotos sind zerschnitten, neu zusammengefügt und mit groben Stichen vernäht. So liefern sie Kommentare zur Zeit, zu Geschlecht, Nacktheit und Verletzung, zu Familie, zur Suche nach dem, was trennt und was verbindet. Das eigene Porträt, mit Nadeln übersät, fällt ebenso in diese Kunst der Selbstbefragung.

Annegret Soltaus Werk wurde in bedeutenden Museen der Welt gezeigt, bis hin zum Museum of Modern Art in New York, im vergangenen Jahr war sie noch in der Kunsthalle Hamburg präsent. Sie hat zahlreiche Preise erhalten — und ist künstlerisch weiter auf der Suche. Eine also gilt seit vielen Jahren ihrem Vater. Annegret Soltau hat eine Fülle von Anfragen ausgesandt, alle Spuren versandeten in den letzten Tagen des Krieges, niemand konnte Auskunft geben. Ab 2003 begann sie, die Schreiben und die Silhouette ihres Kopfes zu verbinden. Die Serie „Vatersuche“ hängt nun auf die Leine gespannt in der KulturBäckerei, und die losen Enden der Vernähungen baumeln wie suchende Tentakel im Raum.

Mit der Nadel ins Negativ gekratzt

Aus den 80er-Jahren stammen zwei nicht minder beeindruckende Großwerke, die ebenfalls vom Suchen handeln, aber in abstrakterer Gestalt. „Hindurchgehen“ nennt Annegret Soltau diese Arbeiten, die aus 240 Fotoradierungen bestehen, die mit der Nadel ins Negativ gekratzt wurden und durch das Zusammenstellen wie „stills“ eines Films wirken.

Baldur Greiner las bei der Vernissage aus einem Buch, das Annegret Soltau über ihr Leben schrieb. Sie selbst machte bei der Vernisssage in kurzen Worten, innerlich spürbar bewegt, deutlich, wie sehr ihr an der Ankunft in dieser Stadt liegt. Dass sich noch bei der Vernissage 70 Jahre nach ihrer Geburt möglicherweise eine neue Spur bei ihrer Vatersuche zeigte, das macht diese von der Sparkassenstiftung ermöglichte Ausstellung zu einem auf ganz andere und ungeahnte Weise besonderen Ereignis.

„Teilen­_Verbinden“ ist bis zum 26. Juni zu sehen.