Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Der Berliner Fabrikant Giesecke (Burkhard Schmeer, li.) mault gerne, hier bekommt er es mit Zahlkellner Leopold (Philip Richert) zu tun. Im Weißen Rössl feierte am Theater Lüneburg Premiere. Foto: theater/tamme
Der Berliner Fabrikant Giesecke (Burkhard Schmeer, li.) mault gerne, hier bekommt er es mit Zahlkellner Leopold (Philip Richert) zu tun. Im Weißen Rössl feierte am Theater Lüneburg Premiere. Foto: theater/tamme

„Im Weißen Rössl“ am Theater Lüneburg wieder ein Hit

Lüneburg. Heroben auf der Hüttn nach zünftiger Wanderung, unterm blauen Himmel und schneebecremte Gipfel in weiter Ferne so nah, da klingt sogar das Jodeln schön und ebenso die krachlederne Volksmusik. Wenn alle Sommer wieder Wirtin Josepha das Dirndl schnürt, wenn sie ihr Wirtshaus, das „Weiße Rössl“, öffnet und der Dampfer Sommerfrischler aus dem fernen Berlin ans Ufer des Wolfgangsees spült, ja dann ist jeder Widerstand zwecklos gegen das Land, in dem die Operette blüht. Streng genommen ist es Volkstheater mit Musik, das Ralph Benatzky mit seinem „Rössl“ geschaffen hat — kitschiger als brutalste Postkarten und doch unverwüstlich. Dank einer mit Ironie und ganz viel Lust am Spiel betriebenen Inszenierung kann man nun wieder im Salzkammergut lustig sein, hier im Theater Lüneburg.

Das „Weiße Rössl“ hält einen Lüneburg-Rekord. Vor 70 Jahren, als das Land nach Idylle lechzte, brachte es Benatzkys Singspiel auf 85 Vorstellungen in zwei Jahren. So weit wird dieses „Rössl“ nicht springen, aber es wird ein Renner, keine Frage! Dafür steht das ganze Drei-Sparten-Theater, das Ballettchef Olaf Schmidt als Regisseur unwiderstehlich in Bewegung gebracht hat, befeuert durch die Symphoniker, die Robin Davis gut abgestimmt hat, mit sicherem Ohr für die Qualitäten der Sänger.

Barbara Bloch hat das passende Bühnenbild geschaffen

Der blaue Himmel, die Schneegipfel, das Wirthaus, Barbara Bloch hat das passende Bühnenbild geschaffen und zwar so, dass Platz bleibt für die Masse an Menschen, die in die Wirtschaft drängt. Susanne Ellinghaus — und die Schneiderei — sorgten für bestaunenswerte Kostüme, in denen sich Orts- und Zeitkolorit treffen, und nun passiert so viel, dass es gar nicht zu erzählen ist, beginnend mit dem gemeinsamen Jodeldiplom-Warm-up.

Dass es im Kern um die Liebe in Gestalt des Heiratens geht, machen schon vier alte Paare klar, die immer wieder durchs Lokal turteln und giggeln. Das Regiment im „Rössl“ aber führt der Zahlkellner Leopold, das ist eine Riesenrolle für ein schaupielerisches Präsenzmonster wie Philip Richert, der allem Schmachten, Singen, Schmähen, Granteln und Greinen eine passende Ebene von Humor unterlegt — und noch den zugezogenen Schmerz im Knie ins Geschehen einbaut. Oder hat doch die Wirtin Josepha Vogelhuber das Sagen? Beate Weidenhammer hält frei von Sentiment die Balance zwischen Chefgebaren und Sehnsucht.

Steppende Kuh, tanzende Hühner und eine jodelnde Postbotin

Benatzkys Stück liefert Situationen und Typen. Olaf Schmidt nimmt die Vorlage auf und schärft sie an — mit einem frechen Ballett in der Sauna, mit steppender Kuh, tanzenden Hühnern, mit einer jodelnden Postbotin in der Gondel, was Astrid Gerken wunderbar macht, und vielem mehr. Schmidt bürstet die Klischees gegen den Strich. Der schöne Sigismund wird zum hässlichen Gockel, aber er kann ja nichts dafür, und Timo Rößner stattet den Sülzheimer mit verblüffendem Hüftschwung aus.

Die Humoristenrolle des Berliner Fabrikanten Giesecke ist ein „dolles Jeschäft“ für Burkhard Schmeer, der die Poltrigkeit samt herzensgutem Kern trocken und präzise ausspielt. Besonders besetzt wird auch gern der Kaiser, hier gibt sich Gerry Hungbauer mit hochherrschaftlicher Distanz, Würde und Gemächlichkeit die Ehre. Dass sich Majestät über rote Rosen freut, ist ein netter Gag für die TV-Serie, in der Hungbauer zu den Stars zählt.

Es ist dem kleinen Ensemble gelungen, die Rollen durchweg qualitätvoll zu besetzen. Als ausgebildete und spielfreudige Sänger haben Karl Schneider (Dr. Siedler) und Franka Kraneis (Ottilie) keine Mühe. Ebenso wenig Steffen Neutze, der als betulicher Privatgelehrter einkehrt, und Sarah Hanikel als lispelnde Tochter. „Reiseleiter“ Oliver Hennes ist dabei, und mutig ist es, den Piccolo mit Balletttänzer Anibal dos Santos zu besetzen, aber er bringt frische Quirligkeit ins Geschehen.

Sicher, es gibt Szenen, die wirken etwas aneinandergereiht, nicht recht verbunden. Es gibt Umbaupausen, in denen die sonnige Stimmung zusammenfällt, manchmal tröpfelt dann Musik hinein, aber sie verhungert ohne ein Davor und Danach. Aber das sind Kleinigkeiten gegenüber einer am Ende ausdauernd gefeierten Produktion, über die sich eigentlich nur — bitte laut! — sagen lässt: „Holleri du dödl di, diri diri dudl dö.“  H.-M. Koch