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Harald Welzer sprach mit Steffi Hobuß über den schleichenden Wandel der Machtverhältnisse in den westlichen Demokratien. Foto: t&w
Harald Welzer sprach mit Steffi Hobuß über den schleichenden Wandel der Machtverhältnisse in den westlichen Demokratien. Foto: t&w

Dr. Harald Welzer Gast des Lüneburger Literaturbüros

ff Lüneburg. „Ob meine Frau schwanger ist, das wissen Kaufhaus- und Supermarktketten womöglich vor mir“, sagt Marc Elsberg. Wer sich im Internet bewegt, ist längst zu einem gläsernen Menschen geworden. Mit jedem Mausklick verbreitet er eine Fülle von Informationen, die von Firmen und Organisationen aller Art beharrlich gesammelt, aufbereitet und verdichtet werden. Elsberg ist ein präzise recherchierender Realo-Thriller-Autor. Was er 2014 auf dem Lüneburger Krimifestival sagte, hat Dr. Harald Welzer mit den Methoden eines Sozialwissenschaftlers dargestellt. „Die smarte Diktatur — Der Angriff auf unsere Freiheit“ heißt der jüngste Titel (S. Fischer) des Professors für Transformationsdesign. In der Leuphana stellte er ihn vor.

Rund 250 Besucher kamen zur zweiten Veranstaltung der Reihe „Was uns bewegt“ des Lüneburger Literaturbüros. Dr. Steffi Hobuß, Dozentin für Philosophie an der Leuphana, sprach mit dem Gast über Big Data, über Umweltprobleme und über das schleichende Ende der gesellschaftspolitischen Gestaltung durch die Bürger; Harald Welzer: „Privatheit ist Bedingung — durch vollständige Transparenz wird die Demokratie gefährdet“.

Wo der Totalitarismus seine Grenzen hat, sei nun die „smarte“ Diktatur mit ihren subtilen, dem Komfort geschuldeten Ausspähungstechniken erfolgreicher. Selbst im Nationalsozialismus, so Welzer, sei es etwa der Gestapo nicht gelungen, in alle privaten Räume vorzudringen. Er nannte Beispiele aus den 40er-Jahren von Juden, die sich — unterstützt von Widerstands-Netzwerken — dem Zugriff entziehen konnten und dabei sogar öffentlich handelten. „Das ist heute nicht mehr drin“, sagt der Soziologe und Sozialpsychologe.

Überwachung ist in Demokratien an den stetig wachsenden Konsum geknüpft, und der wiederum bildet die Grundlage unseres Wirtschafts- und Ordnungssystems. Was Welzer am meisten wundert: „In der Öffentlichkeit ist das seltsamerweise kein Thema“. Auch wenn wohl die meisten Internet-User ahnen, dass es kein Zufall ist, wenn sie von den Herstellern erstaunlich zielgerichtete Angebote bekommen, so herrsche die Meinung vor, „dass sich durch die Digitalisierung ja eigentlich nicht viel geändert hat“. Das hält Welzer für einen fatalen Irrtum.

Reihe „Was uns bewegt“ wird im Herbst fortgesetzt

Tatsächlich habe der moderne Mensch seine Entscheidungskompetenz als Konsument längst an „die Diktatoren-Klasse der freundlichen Männer mit den Kapuzenshirts“ abgegeben. Wer mit seinem Smartphone eine einzige App anklicke, steuere damit zuweilen Tausende Server an. So etwas hat auch ökologische Dimensionen, der Energieverbrauch ist gewaltig, große Rechner-Verbundsysteme haben Probleme mit der Kühlung und stehen am besten dort, wo es kalt ist: Im Juni 2013 eröffnete Facebook seine erste europäische Serverfarm im schwedischen Luleå.

Der Psychologe, der sich nicht als Technik-Fachmann begreift, hat nichts gegen Computerleistung an sich, gegen den Fortschritt in der Prothetik beispielsweise, ihm geht es um die meist fehlende Kontrolle. Was er denn empfehle, wollte das Publikum wissen. Die Antwort Welzers, der auch Direktor der von ihm mitgegründeten „Futurzwei — Stiftung Zukunftsfähigkeit“ ist, war da recht einfach: möglichst viele Dinge offline erledigen. Und, gewissermaßen als „Trailer“ des Abends gedacht: „Das Leben ist analog, nicht digital“.

Die Literatur(büro)-Reihe „Was uns bewegt“ wird im Herbst fortgesetzt.