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Benozzo Gozzolis Gemälde Das Geleit der Könige gilt heute als Schlüsselwerk der Renaissance. Richard David Precht erläuterte Details. Foto: t&w
Benozzo Gozzolis Gemälde Das Geleit der Könige gilt heute als Schlüsselwerk der Renaissance. Richard David Precht erläuterte Details. Foto: t&w

Richard David Precht über ein Gemälde und seine Geschichte

ff Lüneburg. Das Bild taugt nichts — diese Meinung galt über Jahrhunderte: Bei Benozzo Gozzolis üppigem Fresko „Das Geleit der Könige stimmen die Größenverhältnisse einfach nicht, offensichtlich hatte der Maler keine Ahnung vom Raum, vom Fluchtpunkt, von Zentralperspektive — „es ist in der Kunstgeschichte durchgefallen“, so Dr. Richard David Precht. Heute gilt das Gemälde im Palazzo Medici in Florenz als Schlüsselwerk der Renaissance. Im Lüneburger Museum stellte es der Autor, Journalist und Sozialwissenschaftler vor.

Prof. Dr. Christoph Jamme, Philosophie-Professor an der Leuphana, hatte seinen prominenten Kollegen zum Auftakt einer Veranstaltungsreihe eingeladen, die sich im Museum zunächst um ein einziges Exponat dreht, um das Buch „Dialogus de Systema Mundi“ von Galileo Galilei, die Leihgabe (bis 9. Oktober) einer im Privatbesitz befindlichen Londoner Ausgabe von 1663. Gegenübergestellt werden die zwei wichtigsten Auffassungen vom Wesen dieser Welt: Das ptolemäische System, auf das sich die Kirche berief, stellt die Erde in den Mittelpunkt des Universums, das kopernikanische dagegen die Sonne. Die Reihe dreht sich nun um das Werk und die Zeit Galileis (1564-1642), im weiteren Sinne um eine Zeit des gesellschaftspolitischen Umbruchs. „Das Geleit der Könige, bereits 1459/60 gemalt, führt in diese Epoche hinein. Es gehe, so Precht, selbst Honorarprofessor an der Leuphana, um das „Eingrooven in die Renaissance“.

Benozzo Gozzoli, 1420 in Florenz geboren, malte — vordergründig — den Umzug der Byzantiner von Ferrara zum Unionskonzil nach Florenz. Hintergrund: der Rückzug der oströmischen Kirche aus dem bedrohten Konstantinopel aus dem Byzantinischen Reich, der zwangsläufig die Position des Papstes stärken musste. Doch zugleich war eine andere Entwicklung spürbar: Die reichen Kaufmanns- und Bankiersfamilien, allen voran wohl die Medici, emanzipierten sich von der geistlichen Macht. Und so war „Das Geleit der Könige“ ein weltliches Auftragswerk — vordergründig eine Kirchenszene, letztlich aber nichts anderes als eine symbolhaft aufgeladene Machtdarstellung der Medici.

Eingrooven in die Renaissance

Auf den ersten Blick wird klar: Die Perspektive stimmt nicht — Personen, die in der Kolonne weit hinten mitmarschieren, müssten eigentlich in der Ferne verschwinden. Konnte Gozzoli nicht richtig malen? Natürlich konnte er. Aber der Künstler, so Precht, musste so viele Aufgaben und Anweisungen erfüllen, dass er auf die korrekte Darstellung verzichtete. Er arbeitete — wie Leonardo Da Vinci — keineswegs als freier Künstler. Hier und dort musste noch eine wichtige Person im Bild untergebracht werden, das Prunk-Dekor der Medici wurde eingearbeitet, „alle haben ihm reingequatscht“, so Precht in seinem anschaulichen Vortrag über den monatelangen Malprozess in einem engen Raum ohne Tageslicht.

Allegorisch sollte das Fresko das Geleit der Heiligen Drei Könige idealisieren, historisch zeigte es also einen Zug über den Apennin nach Florenz, wo die Unterwerfung der oströmischen Kirche besiegelt werden soll. Aber auf dem Gemälde ist eine Reihe von mächtigen Menschen zu sehen, die zeitlich überhaupt nicht in die Szene passten. Nicht zuletzt: der Papst, ziemlich verdruckst irgendwo hinten in der Menge, er war tatsächlich längst zum Schuldner der Banker-Dynastien geworden. Sogar bei Architektur und Natur hatte der arme Maler wilde Kompromisse machen müssen, die seltsamen Bäume und fantastischen Gemäuer erscheinen als Mischmasch aus Toskana und Heiligem Land.

Nächste Veranstaltung: Am 11. August spricht Prof. Dr. Achatz von Müller über „Galileis Empirie im System humanistischer Wissenschaft“.