Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Jens Balzereit gönnt sich daheim ein paar Bass-Riffs. Foto: ff
Jens Balzereit gönnt sich daheim ein paar Bass-Riffs. Foto: ff

Jens Balzereit: Ein Leben für die tiefen Töne

ff Lüneburg. Wer die Wohnung von Jens Balzereit betritt, der schaut erst einmal in die Röhre genauer: in den Schalltrichter eines alten Sousaphons. Das riesige Blasinstrument ist etwa in Marching-Bands für das Fundament zuständig, und der Hausherr ist schließlich Bassist. Aber: „Ich habe es einmal geschenkt bekommen, das spiele ich nur zum Spaß.“ An der Wand lehnt, etwas bescheidener, ein schöner, 80 Jahre alter Kontrabass. Er bildet das wirkliche Zentrum des Raumes. Jens Balzereit hat sich für ein Leben als Musiker der tiefen Töne entschieden, für die Leidenschaft und damit wohl auch für manche Entbehrung.

Unzählige Jazzkonzerte hat der lange Künstler (1,93 Meter) im Raum Lüneburg mitgestaltet, meistens in der zweiten Reihe, das Solo liegt ihm nicht: „Die Musik unterstützen, helfen können, das ist mir wichtig“. Fast wäre Jens Balzereit, 1963 in Coburg geboren, Sozialpädagoge geworden, aber nach sechs Semestern brach er das Studium ab, der Bass war wichtiger.

Der Vater war Schlagwerker, Theatermusiker, und bei den Proben saß Jens, drei oder vier Jahre alt, mit im Orchestergraben. „Oper und Operette, das hat mich fasziniert“, erinnert er sich und noch mehr gefielen dem Steppke die Kontrabassisten, „die waren lustig, haben nur Blödsinn gemacht“.

Erstmal gab es daheim klassischen Klavierunterricht, später zupfte der Teenager den E-Bass in einer Deutschrockband. Dann wollte das Theater Coburg die Rocky Horror Show aufführen, engagierte dafür Balzereits Truppe und da bekam die Sache eine gewisse Eigendynamik. Denn bald saß der junge Mann in den Diensten der „sweet transvestites“ auch in den Orchestergräben der Theater Bamberg und Ingolstadt. Bald musste er die Partitur von „My fair Lady“ für die fünf Popmusiker umschreiben, Samples im Studio einspielen, Schritt für Schritt entwickelte sich Jens Balzereit als Autodidakt zum veritablen Bassisten, „und die Gagen reichten schon bald für ein einfaches Leben“. Den Rest hat er immer durch anderweitige Jobs verdient, als Postfahrer wie als Sockenverkäufer.

Als er von der Großtante etwas Geld geschenkt bekam, leistete sich Balzereit dann doch vier Semester an der Jazz-Schule München, begann mit dem Kontrabass. „Da habe ich wieder bei Null angefangen, das war richtiger Kraftsport, bei dem ersten Gig musste ich nach drei Songs aufgeben“. Was heute so elegant und wie selbstverständlich aussieht, ist also, wie beim Ballett, ein Ergebnis eisernen Trainings.

Eine Familienangelegenheit führte Jens Balzereit, der mittlerweile eine Frau und drei Kinder hatte, 1996 nach Lüneburg. Bassisten werden immer gebraucht, auch im Lüneburger Theater, „und vor allem im Oldtime Jazz gibt es immer noch viel zu tun“. Er stieg bei Harald Gottschlings „Happy Street Band“ ein, bei der Frederic Rooter Jazz Society, bei der Mittelalter-Truppe „Schattenweber“, bei „Swing op de Deel“, schließlich bei der Jan-Harrington-Band „Gospel, das war dann wieder eine tolle neue Erfahrung für mich“. Die führte ihn sogar nach Las Vegas, in die USA, wo der Jazz noch einmal auf einem ganz anderen Level gespielt wird: „Da wird wie selbstverständlich vorausgesetzt, dass du jeden Song in jeder beliebigen Tonart drauf hast. Gott sei Dank war ich fit!“

Gut dotierte Auftritte im feinen Zwirn oder Straßenmusik, Jens Balzereit, der mittlerweile in Bad Bevensen wohnt, bleibt sich treu: „authentisch bleiben, Stil haben, dienlich sein.“ Er organisiert unter anderem die Lüneburger Reihe „Jazz im Turm“; morgen, Sonntag, spielt er vor der Haustür auf Bad Bevensens Festival „Jazz im Städtchen“, diesmal für „Lili & die Jazzmodule“. Am 6. August lädt er mit den „Mockingbirds“ zum Riverboat-Shuffle auf dem Arendsee und auf dem Lüneburger Weihnachtsmarkt wird Jens Balzereit, auch da freut er sich drauf, Marzipan verkaufen.