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Es gab zunehmend Trennendes zwischen Programmmacher Gebhardt Dietsch (li.) und Mathias Meyer, dem Vorstandssprecher des Vereins. Dietsch geht, Meyer bleibt.
Es gab zunehmend Trennendes zwischen Programmmacher Gebhardt Dietsch (li.) und Mathias Meyer, dem Vorstandssprecher des Vereins. Dietsch geht, Meyer bleibt.

Kulturforum Wienebüttel: Der Mann mit der Glocke geht

oc Lüneburg. Im Kulturforum steckt der Wurm. Er bohrt Löcher in die Scheune, was schlimm genug werden könnte. Vor allem aber steckt der Wurm seit geraumer Zeit im Vorstand des Trägervereins. Jetzt kam es zur Krisensitzung. Sie bringt Veränderungen mit sich: Programmmacher Gebhardt Dietsch wird das Kulturforum verlassen. Zwischen ihm und Vorstandssprecher Mathias Meyer besteht seit längerem keine Einigkeit über die Zukunft des Hauses. Dietsch ist aus dem dreiköpfigen Vorstand ausgeschieden.

„Es müssen jetzt mal andere Kräfte ran“, sagt Gebhardt Dietsch am Tag nach der Sitzung, „nach 25 Jahren will ich mich langsam zurückziehen.“ Bis Ende 2017 bleibt er dem Haus aber als Programmgestalter verbunden. Dietsch ist für das Publikum zunächst mal der Mann mit der Glocke. Er läutet, wenn es losgeht, auch heute, Freitag, um 21 Uhr, wenn das Ensemble Vibratanghissimo sein Programm „Tango meets Jazz“ spielt im Rahmen der 18. Wienebütteler Sommernachtsmusik. Das ist eine der Reihen, die Gebhardt Dietsch ins Leben rief bzw. betreut. Zu nennen sind auch die Jazznights, die Hommage-Konzerte und manches mehr. Das Profil des Kulturforums trägt seit Jahren die Handschrift des 58-Jährigen.

Es liegt nun vieles in Händen von Mathias Meyer. Der Hamburger war und bleibt Vorstandssprecher. Mit im Vorstand sitzen die Kulturmanagerin Simone Winkelmann und der Lüneburger Unternehmer und Parcoursbauer Edmund Minhoff, der im Kulturforum Flamenco-Abende organisiert hatte. „Es war sehr anstrengend“, sagt Meyer zur Sitzung des Vereins, „aber ich bin schon sehr froh, wie es gelaufen ist. Endlich hat sich etwas bewegt.“ Meyer hat eine Fülle von Ideen, mit denen er das Kulturforum zu neuem Leben erwecken will. „An diesem Ort müssen viel mehr Dinge passieren, die zu ihm passen, auch unter der Woche.“ Meyer schwebt eine Mischung aus Breitenkultur und dem Bewahren von inhaltlich Wichtigem vor. „Alles, was bewährt und finanzierbar ist, soll natürlich bleiben.“

Eine Außenbühne, im Haus durch Umgestaltung eine zweite Bühne das sind so Ideen, mit denen sich der Verein beschäftigen muss. Im Oktober soll mit ausgiebig diskutiert werden, wohin die Reise geht. Zu klären ist auch, wie der Renovierungsstau aufgelöst werden kann, vom Holzwurm über die zunehmend marode Bühne bis zum Haupthaus. „Im Grunde steht alles zur Disposition. Ich kann das nur moderieren und vorantreiben“, sagt Meyer, der in Hamburg eine Agentur für Werbung, Marketing, Kunst und Kultur betreibt.

Der Verein Kulturforum Lüneburg hatte sich vor 30 Jahren gegründet. Nema Heiburg und Catarina Sdun entwickelten damals ein Konzept für das seit Jahren leerstehende Gut Wienebüttel: ein Haus für Kultur, die neue Wege weist. Die Stadt Lüneburg stieg ein, vermietete das Haus für seinerzeit 1500 Mark im Monat, setzte den Mietpreis aber bis 2029 aus unter der Maßgabe, dass sich der Verein satzungsgemäß der Kulturarbeit widmet und sich um Renovierung und Instandhaltung der Gebäude kümmert. Heiburg und Sdun, gelernte Tischlerin, schufteten mit ansteckendem Elan für ihre Idee, verlegten Stäbchenparkett, machten das Dach regenfest, legten mit Programmen los. Als Catarina Sdun recht plötzlich ausstieg, folgte 1991 Gebhardt Dietsch. Das Kulturforum war da bereits zu einer wichtigen Institution für die Kultur in der Region aufgestiegen, auch in Sachen Kunst: Die Feininger-Ausstellung 1991 zählt zu den bedeutendsten, die Lüneburg in den vergangenen Jahrzehnten erlebte.

Mit der Zeit schälten sich Schwerpunkte heraus: Kabarett, Jazz, Kammermusik. 2010 verließ Mitgründerin Nema Heiburg das Kulturforum, nicht gerade im Frieden. Das Team bildeten Dietsch, Mathias Meyer und der mittlerweile ausgeschiedene Dirk Dechring. Nun steht der nächste Umbruch an und er ist nötig. Denn nicht nur Haus und Scheune stecken in einem Renovierungsstau. Seine Funktion als Ort für neue kulturelle Formate hat das Haus längst abgegeben, zum Beispiel an den Salon Hansen.

Die Stadt hat das Haus über die Mietfreiheit hinaus immer wieder unterstützt. Auch mit Hilfe der Sparkasse und ihrer Kulturstiftung wurden zum Beispiel hohe Beträge in den Ausbau der Scheune (Bühne, Backstage, Technik) investiert.