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Das Trio Indian Air im Kulturforum: Schlagwerker Tobias Steinberger, Kontrabassist Clemens Rofner und Sitarspieler Klaus Falschlunger schlugen eine Brücke von der indischen Klassik zum westlichen Jazz. Foto: ff
Das Trio Indian Air im Kulturforum: Schlagwerker Tobias Steinberger, Kontrabassist Clemens Rofner und Sitarspieler Klaus Falschlunger schlugen eine Brücke von der indischen Klassik zum westlichen Jazz. Foto: ff

Mit der Sitar vom Morgenland ins Abendland

ff Lüneburg. Die Sitar? Ein indisches Zupfinstrument mit einem hellen, flirrenden Klang. Die Beatles haben es für ein paar Songs ausprobiert, und dann ist da noch der Superstar Ravi Shankar. Ungefähr so weit dürften im Allgemeinen unsere Kenntnisse über die Sitar reichen. Mehr war von dem Trio Indian Air im Kulturforum zu erfahren, bei dem dritten Konzert der Wienebütteler Sommernachtsmusik. Im Mittelpunkt stand beziehunsweise saß ein Österreicher: Klaus Falschlunger.

Ein echtes Crossover-Projekt: Orient meets Okzident, klassische indische Musik trifft auf Rock, Pop und vor allem Jazz. Klaus Falschlunger lebte drei Jahre in Indien. Seit 1991 beschäftigt er sich mit der Sitar, die es in der heutigen Bauform seit rund 300 Jahren gibt, in der klassischen Musik des Landes nur mit Percussions, also etwa der aus dem Norden stammenden Tabla, begleitet wird. Diese Aufgabe übernahm nun Tobias Steinberger. Normalerweise gibt es keine Akkorde, nur Melodie und Rhythmus, als Dritter im Bunde führte Kontrabassist Clemens Rofner nun Richtung Abendland.

Eine Sitar hat viele Metallsaiten, die meisten werden aber nicht gezupft, schwingen nur mit; der zirpende Klang wird auch dadurch erzeugt, dass die vibrierenden Saiten gegen den Steg schlagen. Das ist etwa bei „Norwegian Wood“ von George Harrison gut zu hören. Noch etwas Besonderes: Die Bünde lassen sich (wie etwa bei den alten Lauten) verschieben, den Abständen innerhalb der Tonleitern kommt eine zentrale Bedeutung zu, sie bestimmen den Klangcharakter eines Stückes. „In Indien werden die Intervalle am Morgen anders gewählt als am Abend“, erklärt Klaus Falschlunger, „das betrifft vor allem die Terzen und die Sexten“. Klingt kompliziert, ist es wohl auch. Wer etwa Gitarre oder Banjo spielt, und meint, mal eben sein Instrumentarium erweitern zu können, liegt falsch, „da fängt man wieder bei Null an“, so der Österreicher. Und: Die Saiten lassen sich beim Greifen über mehrere Töne dehnen, so entsteht wiederum eine ganz eigene Modulation.

Und wie klingt Indian Air nun? So, wie man sich vielleicht modernen indischen urbanen Jazz vorstellt. Tobias Steinberger entwickelt komplexe, sich oft aus feinstem Pianissimo entwickelnde Strukturen, die von Rofner unter- beziehungsweise übermalt werden. Die Stücke, die etwa „Incredible World“ oder „Desert Snow“ heißen, sind nur in den Themen komponiert, lassen viel Raum für Improvisation, aber immer sind die Arrangements herauszuhören. Es gibt Schwelgereien und Ostinato-Passagen, zuweilen erweitert Falschlunger, der sich gern auch einmal im Hintergrund hielt, seine Sitar-Melodien mit dem rhythmisch orientierten Scat-Singing. Dies alles bereitet dem an Johann Sebastian Bach und den Rolling Stones geschulten Abendländer keine Hörprobleme, das groovt und swingt, war zugleich vertraut und fremd, faszinierend und unterhaltsam, und wurde dementsprechend mit viel Applaus honoriert.

Das letzte Konzert der 18. Wienebütteler Sommernachtsmusik führt nach Portugal, am Freitag, 29. Juli, 21 Uhr, spielt das Duo Fado Instrumental.