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Lisa-Marie Dickreiter am Stint: Die Autorin hat ihr aktuelles Buchprojekt ein gutes Stück vorangebracht. Foto: ff
Lisa-Marie Dickreiter am Stint: Die Autorin hat ihr aktuelles Buchprojekt ein gutes Stück vorangebracht. Foto: ff

Lisa-Marie Dickreiter: Hier ist der Knoten geplatzt

ff Lüneburg. Eine Kutsche rumpelt über den Stintmarkt. „Das sind Friesenpferde, sie waren im Herrn der Ringe zu sehen, in der Szene, als die Schwarzen Reiter im Auenland auftauchten“, sagt Lisa-Marie Dickreiter. Sie hat ein Auge für Pferde, das ist ihr Hobby. Sie hat ein Auge für Filme, das ist ihr Beruf, und sie hat ein Faible fürs Erzählen, auch das ist ihr Beruf. Die Drehbuch- und Romanautorin lebt zurzeit noch als Literatur-Stipendiatin im Heinrich-Heine-Haus. „Ich werde Lüneburg in guter Erinnerung behalten“, sagt sie.

Das liegt vielleicht auch an dem reizenden Stadtbild. Vor allem aber liegt es an einem besonderen Moment: „Hier ist der Knoten geplatzt“, sagt Lisa-Marie Dickreiter. Es geht natürlich um ein neues Buch, eine Erzählung, an der sie seit sieben Jahren herumtüftelte, ohne den richtigen Erzählton zu finden. Doch eines Abends im Heine-Haus wurde endlich die passende Stimme gefunden im Rededuell mit dem Regisseur und Dokumentarfilmer Winfried Oelsner. Plötzlich geht die Arbeit voran.

Die drei Lüneburg-Monate werden wohl auch aus einem weiteren Grund eine besondere Zeit bleiben: „Es ist mein erstes Stipendium mit Kind.“ Ehemann Oelsner und Sohn Henri (19 Monate) sind mit dabei, zuweilen auch die Oma, um auf den Enkel aufzupassen, weshalb es in der Stipendiatenwohnung zurzeit manchmal ebenso kreativ wie eng zugeht, macht nichts: „Ich habe in der kurzen Zeit schon 30 Seiten geschrieben“, so Dickreiter.

Das klingt in einer Zeit, in der die Romane immer dicker werden, nach nicht gerade viel. Die Autorin aber sucht konsequent die kürzeste, genaueste Form, „es geht um das Destillat“, also darum, die Substanz so weit zu verdichten, dass nichts Überflüssiges mehr dabei ist. Der neue Roman soll sich um die Unfähigkeit drehen, miteinander zu reden innerhalb eines Ehepaares, das es dennoch sechs Jahrzehnte miteinander aushält.

Erfolg hatte Lisa-Marie Dickreiter mit einer Erzählung, die auch fast ewig brauchte und die sich ebenfalls um Sprachlosigkeit dreht: „Vom Atmen unter Wasser“ handelt von einer stumm verzweifelnden Familie, deren 16-jährige Tochter ermordet wurde. Der Roman wurde 2010 veröffentlicht, bereits 2008 mit Andrea Sawatzki verfilmt. Denn Dickreiter ist zunächst einmal Film-Autorin, „das Drehbuch ist für mich die spannendste Form, denn die Kamera zwingt zur Präzision.“ Entweder wird etwas gezeigt oder eben nicht, die Autorin mag keine diffusen Deutungen: „Ich versuche, Erklärungsmodellen auszuweichen, eine Interpretation ist nie die Wahrheit.“

Lisa-Marie Dickreiter, 1978 in Furth im Wald geboren, lebt in Berlin und im Schwarzwald. Sie hat bereits eine ganze Reihe von Städte-Stipendien erhalten, künftig wird es, wegen Henri, wohl etwas ruhiger zugehen. Er hat nach „Ball“, „Mama“ und „Papa“ seinen Wörterfundus in Lüneburgs Altstadt viertens und fünftens um die „Trecker“ und „Bagger“ erweitert, das ist noch ausbaufähig.

Mamas Hauptjob ist momentan übrigens der einer Dramaturgin, das hat nichts mit Theater zu tun: Sie eilt zu Hilfe, wenn sich ein Autor und ein Lektor über ein neues Manuskript streiten. Natürlich nennt sie keine Namen, aber so eine Mediatorin wird offensichtlich recht häufig und durchaus auf prominenter Ebene benötigt.

Ehrenamtlich engagiert sich Dickreiter als Gründungsmitglied der Organisation „Autoren helfen“. Und noch eine Facette: Mittlerweile hat Lisa-Marie Dickreiter drei Erzählungen für Kinder ab acht Jahren geschrieben, „Max und die Wilde 7“, da verbündet sich ein Junge, also Max, mit Senioren zu einem Detektiv-Team, und das soll demnächst verfilmt werden. Und es wäre untypisch für die Autorin, wenn sie nicht auch daran lange getüftelt hat: „Kinder sind das ehrlichste Publikum, vor denen habe ich einen Heidenrespekt“.