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Es kann, wie das bei Spielen oft so ist, wohl nur einer gewinnen, und es sieht gut aus für die gelbe Spielfigur. Foto: brüggemann

Jahrmarkttheater Wettenbostel: Das Spiel spitzt sich zu

Wettenbostel. Das Spiel hat 57 Felder. Ereignis-, Aktions-, Challenge-, Überraschungsfelder. Und ein Explosionsfeld. Das Spielfeld zieht einen großen Kreis ums Publikum, das sich den vier Spielfiguren zugeordnet hat und angeleitet von Spielmachern sitzhockergroße Würfel wirft. Die Spielfiguren Siine Behrens (rot), Olga Prokot (gelb), Peter Neutzling (grün) und Mike Schlünzen (blau) stehen am Start für „Schwundregion 3000 das Spiel der Giganten“. Aber alle sind abhängig von der Spielregel. Die ist auch nur ein Mensch: Axel Pätz sitzt am Klavier, singt ein Lied über das bescheidene Zweiter-Sein und wird die Figuren dirigieren wie es ihm gefällt. So geht es los und geht es zu im schönsten Open-Air-Theater weit und breit, auf dem Hof von Maria Krewet. Drei Stunden und einen Regenguss später kommt vieles anders und das ist ganz richtig so beim neuen Stück des Jahrmarkttheaters. Das Team hat sehr viel riskiert und sehr viel gewonnen.

Es ist das neunte Jahr, in dem das Ensemble um Thomas Matschoß (Text, Regie) und Anja Imig (Ausstattung) die weite Hofanlage bespielt. Es gab Shakespeare und Goldoni, da weiß der Besucher stets in etwa, was er kriegt. Spannender und riskanter sind die eigenen Produktionen. Wie jetzt. Was soll das sein, das Spiel der Giganten? Thomas Matschoß tigert am Premierenabend lange auf der Wiese hin und her, gespannt, ob der Mix aus Spektakel, Parodie, Musik und Politik aufgeht. Er geht auf.

Anja Imig und Andrea Hingst hatten die Idee zu dem Spiel, bei dem es darum geht, wie wir leben wollen und wie es weitergehen kann mit der Schwundregion, in der immer weniger Menschen leben. Es werden Ideen produziert, sie werden noch an diesem Abend einem „Future Check“ unterzogen. Der Blick aus der Zukunft zurück zeigt, was denn aus Windrädern, Logistik-Parks etc. geworden ist. Nur so viel: Bio-Zucchini spielen eine Rolle, aber auch eine Bank, von der sich der Sonnenuntergang betrachten lässt. Na ja, auch der Rotmilan, das Schaukeln. . .

Thomas Matschoß hat den Spielern, den Spielmachern und der Spielregel einen Text vorgegeben, der sehr viel Witz besitzt, den von der derberen und den von der subtileren Sorte. Matschoß übt zugleich deutlich Zivilisationskritik. Das Spiel lässt sich als Art Metapher auf die Kälte einer Welt lesen, in der es nur um das Gewinnen geht. Aber der Abend macht auch einfach Spaß: Das Stückl ist als Parodie auf TV-Entertainment und -Talkshows angelegt. Allein der Helene-Fischer-Verschnitt, den Yvonne Disqué hinlegt, ist ein Hit. Aber hallo!
Einige Themen tauchen immer wieder auf Bio-Zucchini! Wer frühere Stücke des Jahrmarkttheaters kennt, trifft alte Bekannte wie Prof. Holzmacher-Stockton aus „The History of Lagerfeuer“, die Ameisenkönigin und Oma Elli. Schöne Typen, die dem Diktat der Spielregel folgen.

Das reine Spiel vier Felder vor, drei zurück. . . wird von szenisch durchbrochen. Da müssen die Spielmacher Yvonne Disqué, Tahere Nikkhoyemehrdad, Andreas Furcht und Jo Kappl rasant die Rollen wechseln. In den eingeschobenen Szenen wird kurz die Globalisierung erläutert, der nackte Kapitalismus erprobt, und in der schönsten geht es um Dorftratsch als Liebeserklärung an das Land und seine sympathisch verschrobenen Menschen.

Anders gesagt: Dieser Abend ist mit seinen zumindest scheinbaren Unwägbarkeiten ziemlich unbeschreiblich. Ihn präziser zu beschreiben und vor allem sein Ende, verbietet sich. „Schwundregion 3000“ verbindet, kleine Längen inklusive, Spaß und Sinn und Erkenntnisse über das Schwarmverhalten von Zuschauern. Der Erfolg für dieses zeitgenössische Volkstheater ist eine Sache des Teams, das diese Produktion über fast sechs Wochen zur Reife brachte. Noch einmal: Erfolg ist eine Sache des Teams! Das sollten auch alle Trumpel begreifen, die einer putinesken Welt ihre eigenen Spielregeln auferdoganen wollen.
Gespielt wird in Wettenbostel an den Wochenenden bis Ende August.

H.-M. Koch