Aktuell
Home | Kultur Lokal | „Flucht-Ucieczka“: Eindringliches Dokumentartheater an der Soltauer Bahn
Noch hat das Leben seine heiteren Seiten, doch der Krieg rückt näher. Szene aus Flucht  Ucieczka gestern Abend. Foto: t&w
Noch hat das Leben seine heiteren Seiten, doch der Krieg rückt näher. Szene aus Flucht Ucieczka gestern Abend. Foto: t&w

„Flucht-Ucieczka“: Eindringliches Dokumentartheater an der Soltauer Bahn

oc Lüneburg. Vier Güterwaggons stehen am Gleis. Innen Bänke. Krachend fällt die Tür zu. Dunkel. So ist das also. Es ist beklemmend, und das soll es auch sein. Angekommen sind in Lüneburg „Das letzte Kleinod“, ein Theater aus Niedersachsen, und das Theater Gdynia Glówna aus Polen. Sie ziehen mit einem 75-Minuten-Stück die Wege nach, auf denen vor gut 70 Jahren Frauen und Kinder ihr Leben zu retten suchten. „Flucht-Ucieczka“ heißt die Produktion, sie nimmt ihre Besucher gefangen.

Es fängt heiter an, vor den Waggons, die Schauspieler erzählen von Kindheit, von vollen Tellern, vom Spielen, Singen, Tanzen. Ab und an breitet wer die Arme aus und kreist als Flieger durch die Szene. Der Krieg rückt näher. Kabeltrommeln dienen als Auto, aus dem ein fremder Soldat steigt und ein Mädchen lockt: „Bonbon!“ Dann sind da Gefangene, mit denen man nicht sprechen darf, und die Musik, die den Abend begleitet, beginnt zu zerfallen — wie das Leben, das alle Sorglosigkeit verliert.

Die Texte, die von sechs polnischen und deutschen Schauspielern gesprochen werden, stammen eins zu eins aus Interviews mit Zeitzeugen, von denen es nur noch wenige gibt. Es ist egal, ob es russische oder deutsche Erinnerungen sind. Krieg ist zu allen grausam. Regisseur Jens-Erwin Siemssen collagierte die Originaltexte, die sich wie ein Mosaik zu einem Zeitbild des Schreckens zusammensetzen.

Die Wucht der Erinnerungen

Die Zuschauer werden tatsächlich gefangen genommen, in Gruppen geteilt, in Waggons gescheucht. Ein methodischer Kniff, der keine Distanz mehr zulässt; es ließe sich darüber streiten. Aus der Stille, aus dem Dunkel treten Geschichten zutage, die kaum auszuhalten sind. Da erzählt ein Mädchen, wie die Frauen auf einem Hof verabreden, sich aufzuhängen, weil die Russen kommen. Das Mädchen schafft es nicht, sein Lebenswille ist zu groß. Die Türen gehen auf. „Aussteigen“ brüllt jemand, in einem anderen Waggon geht es weiter. „Ich gehe da nicht mehr rein“, sagt eine Besucherin.

Siemssen belehrt nicht, er löst Widersprüche nicht auf, aber mit kleinen szenischen Eingriffen verstärkt er die Wucht der Erinnerungen. Das Krachen der Türen, die Geräusche draußen, und ein Waggon beginnt zu beben, als führe er nun los, nirgendwohin. Am Ende, wenn der Krieg aus ist, gibt es einen Moment, der erleichtert. Aber die Beklommenheit, die hängt doch nach.

Spielort ist der sogenannte Museumsbahnhof, An der Soltauer Bahn — Zufahrt über Wilschenbruch! Gespielt wird letztmals am Donnerstag, um 19 und 20.30 Uhr.