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SoundVision-Gründer und Geschäftsführer Torben Seemann in einer Sprecherkabine. Foto: ff
SoundVision-Gründer und Geschäftsführer Torben Seemann in einer Sprecherkabine. Foto: ff

Ein Besuch bei der Film-Ton-Firma „Chaussee SoundVision“ in der Goseburg

Von Frank Füllgrabe
Lüneburg. Alte Blech- und Holzteile, Sägespäne, eine Autotür, eine Sandkiste, Gläser, Büchsen, Bretter, alles durcheinander: Es sieht im Reich von Freddy Fleïng (sprich: Fle-ing) ziemlich verkramt aus, ein krasser Gegensatz zu all den anderen aufgeräumten Studios nebenan. Aber Freddy Fleïng ist im Hause „Chaussee SoundVision“ bei Filmproduktionen für Klangeffekte aller Art zuständig, und da braucht er das ganze Gerödel nun mal. Für die quietschende Notbremsung einer Lokomotive zieht er ein altes Bügeleisen über den Heizkörper, das schmerzt noch in den Zahnwurzeln und klingt überzeugender als jede gesampelte Computerdatei.

„Chaussee SoundVision“ also, das ist die Lüneburger Firma, die Torben Seemann noch während des Studiums als Filmtonmeister im Jahre 2012 in der Goseburg eröffnete. Aus dem Start-up ist mittlerweile ein veritables Unternehmen geworden, mit Außenstellen in Wien, Berlin und Köln — es ist in der Filmbranche wichtig, an möglichst vielen Orten präsent zu sein, auch mit Blick auf Filmförderung. Er sei da „ein bisschen hineingestolpert“, so Seemann, der zwar schon immer von einem eigenen Studio träumte, nun aber plötzlich die Möglichkeit hatte, 500 Quadratmeter Arbeitsraum zu mieten, kurzentschlossen zuschlug und in neun Monaten Verkaufsräume für Musikinstrumente zu Klang- und Regieräumen ausbaute.

Nach der üblichen Durststrecke arbeiten sich die Lüneburger Klangtüftler so langsam in die schwarzen Zahlen hinein, Seemann kann sich als Geschäftsführer zunehmend um die Kernaufgaben kümmern. Filmvertonung ist ein Saisongeschäft, natürlich wollen alle Regisseure und Produzenten in der hellen Jahreszeit drehen und in der dunklen ins Kino.

Keine Flugzeuge im Mittelalter

Eine kurze TV-Doku geht recht schnell, ein abendfüllender Kinofilm erfordert bis zu drei Monate Arbeit an den Mikros und Mischpulten. Nebenbei werden mitterweile auch Hörbücher produziert, Schauspieler Thomas Ney beispielsweise saß als Sprecher für das Fantasy-Buch „Riva Mortis“ des Lüneburgers Mike Krzywik-Groß, ein Beitrag für die Fantasy-Spiel-Reihe „Das schwarze Auge“, im Studio.

Ab und zu sind die SoundVision-Mitarbeiter selbst am Film-Set, um O-Töne, die Originaltöne eben, einzufangen. Meistens aber geht es darum, „in der Post“, also nachträglich, das Material zu putzen, Störgeräusche herauszufiltern und Brüche zwischen den Szenen zu glätten, schließlich die Musik einzuspielen und einzupassen.

Oft müssen vernuschelte Dialoge nachsynchronisiert werden. Bei einem Mittelalter-Spielfilm sollte, was sich bei den Dreharbeiten nicht vermeiden lässt, kein Düsenflugzeug am Himmel zu hören sein, und wenn jemand im Film wütend eine Tür zuschlägt, dann klingt das im Original meistens eher nach Kulissen-Pappmaché.

Auch der Revolver eines Westernhelden gibt zunächst wenig dramatische Plopp-Geräusche von sich, für einen richtigen Film-Schuss legt Freddy Fleïng allerlei Heulen, Jaulen und Knurren übereinander, bis er endlich mit dem Knall zufrieden ist. Manchmal hilft der Zufall. Ben Burtt, als Sound-Designer für „Star Wars“ eine Legende, hat das berühmte Sirren der Laserschwerter bei einem kaputten Fernseher gehört — so jedenfalls geht die Anekdote.

„Als Sound-Designer haben wir relativ große Freiheit“, so Torben Seemann, „da kann man tatsächlich die Aussage des Films mitbeeinflussen.“ Dafür nehmen es die Klangtüftler gelassen, wenn sie im Abspann ziemlich spät auftauchen. Das wird wohl auch bei „Molly Monster“ der Fall sein — der Animationsfilm mit den Stimmen von Sophie Rois und Judy Winter und dem Klang der Goseburg startet am 8. September in der Scala.