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Reger, Rheinberger, Mahler: Chormusik aus Romantik und Spätromantik fand großen Zuspruch beim zweiten und letzten Lüneburg-Konzert des Festivals in diesem Sommer. Foto: be
Reger, Rheinberger, Mahler: Chormusik aus Romantik und Spätromantik fand großen Zuspruch beim zweiten und letzten Lüneburg-Konzert des Festivals in diesem Sommer. Foto: be

Schleswig-Holstein Festival-Chor gastiert in der Michaeliskirche

Von Antje Amoneit
Lüneburg. Atmosphärischer, sanft wogender, in jeden Winkel dringender Kathedralenklang aus mehr als zehn Dutzend Kehlen erfüllte den gotischen Raum. Der Schleswig-Holstein Festival-Chor unter der Leitung von Nicolas Fink bot in St. Michaelis, der „Bach-Kirche des Nordens“, hochkarätige Interpretationen romantischer und spätromantischer A Cappella-Chorwerke von Gustav Mahler, Max Reger und Josef Rheinberger.

Langer Applaus flammte am Ende auf, auch noch einmal nach der zweiten Zugabe, obgleich Nicolas Fink gebeten hatte, die Kirche nach Rheinbergers noch einmal wiederholtem „Abendlied“ still zu verlassen. Die Idee, die Choristen für dieses letzte Lied in den Gängen rund um das Publikum herum im Raum zu verteilen und mit beseelter Schlichtheit singen zu lassen, setzte einen ganz besonders wirkungsvollen Schlussakzent.

Das Konzertmotto „Abendgesänge“ passte nicht nur zu Josef Gabriel Rheinberger, dessen drei sechsstimmige geistliche Gesänge op. 69: „Morgenlied“, „Hymne“ und „Abendlied“ nach Texten der Bibel und Hoffmann von Fallerslebens standen im Zentrum des Programms. Grenzüberwindende, „Mensch, Natur und das Göttliche“ einende romantische Chormusik zu komponieren, nach Texten großer Dichter und der Bibel, war im 19. Jahrhundert vielen Komponisten ein Bedürfnis. Das A-Cappella-Singen als fester Bestandteil des bürgerlichen und kunstreligiösen Zeitgeistes beschäftigte auch Mahler und Reger. Sie berühren mit harmonischen und melodischen Ausdeutungen und mystischer Schlichtheit ihrer Werke Fragen nach dem Sinn des Lebens.

Mal genial schlicht, mal extrem komplex

Die Wirkung der Gesänge Rheinbergers, die er zwischen seinem 17. und 25. Lebensjahr schrieb und überarbeitete, liegt in ihrer genialen Schlichtheit. Die homogenen Stimmen des Chors formten Texte und Melodien mit viel Empfindung und verhaltener Dynamik. Gustav Mahlers 1901 entstandenes Rückert-Lied „Um Mitternacht“ und dessen Orchesterlied „Es sungen drei Engel“ von 1899 präsentierte der Chor in der A-Cappella-Fassung von Clytus Gottwald — wunderbar berauschte, von volkstümlicher Melodik und verwobenen Harmonien gleichermaßen belebte Musik, die der Chor mit sicherer Intonation und schöner Klangflexibilität meisterte.

Tiefreligiös ist Max Regers Musik, dessen Chorsätze „Schweigen“, „Abendlied“ und „Frühlingsblick“ aus op. 39 für sechs Stimmen in ausgewogener Stimmenreinheit und fein schillerndem Pianissimo gesungen wurden. Die erfahrenen und geschulten Laien des Schleswig-Holstein Festival-Chors gaben auch Regers zwölfstimmigem „Vater unser“ starke Ausdruckskraft. Das für drei vierstimmige Chöre geschriebene Werk, das nach Regers Tod 1916 von seinem Schüler Karl Hasse vollendet wurde, ist von enormer Komplexität, in einem halligen Kirchenraum sehr schwer zu realisieren. Der Festival-Chor unter Fink schuf aber eine Interpretation, die die Spannkraft bis zum Ende kaum verlor und ihre Wirkung nicht verfehlte. Das Publikum blieb zunächst still, bis stürmisch die erste Zugabe — Mahlers „Urlicht“ — gefordert wurde.