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Kapitän Jürgen Schwandt ist ein Freund klarer Worte, zum Beispiel gegen Rassismus. Die Biografie des 80-Jährigen steht seit Wochen auf der Bestsellerliste. Foto: Ankerherz
Kapitän Jürgen Schwandt ist ein Freund klarer Worte, zum Beispiel gegen Rassismus. Die Biografie des 80-Jährigen steht seit Wochen auf der Bestsellerliste. Foto: Ankerherz

Kult-Käptn Jürgen Schwandt liest in Lüneburg

Von Carlo Eggeling
Lüneburg. Jürgen Schwandt ist aus der Zeit gefallen. Und dadurch so modern. Der Schriftsteller Alfred Döblin hat einmal gesagt: „Ein Kerl muss eine Meinung haben.“ Die hat der alte Seemann Schwandt. Der 80-Jährige bezieht Stellung gegen rechte Parolen und Hasstiraden gegen Flüchtlinge. Bei Facebook zeigt seine Seite knapp 140.000 Gefällt-mir-Angaben, in der Hamburger Morgenpost schreibt er regelmäßig eine Kolumne. Käptn Schwandt ist Kult. Am Sonnabend, 27. August, 12 Uhr kommt er in die — nun fünfjährige — Buchhandlung Bücher am Lambertiplatz und liest mit Autor Stefan Krücken aus seiner Biografie „Sturmwarnung“.

Die beiden verbindet eine Geschichte. Krücken hat für die Zeitschrift Mare eine Serie von Portraits von Kapitänen geschrieben, darunter eine Episode aus Schwandts Leben. Der wäre als Matrose im Dezember 1955 auf der „Franziska Sartori“ im Nordatlantik fast ersoffen, als meterhohe Wellen über das Schiff rollten. Die Wucht zertrümmerte die Brücke, es war ein Wunder, dass sie überlebten. Irgendwann kamen sie in Lissabon an. Drei Tage besetzten sie einen Puff. „Das war keine Feier, eher eine Explosion, ein Schrei nach Leben“, sagt Schwandt heute.

Rund 30 Bücher herausgebracht

Krücken schrieb die Geschichte auf. Als er später ein Buch aus den Storys seiner Seebären machen wollte, fand er keinen Verlag, der das so erledigte, wie er sich das vorstellte. Damals noch in Lüneburg zu Hause, gründete der gebürtige Kölner mit seiner Frau Julia den Verlag Ankerherz. Inzwischen nach Hollenstedt umgezogen, haben sie rund 30 Bücher herausgebracht, die meisten beschäftigen sich mit Abenteuern auf See.

Krücken sagt: „Ich fand den Kapitän vom ersten Moment an toll, der Kontakt hat gehalten.“ Und so entstand ein ganzes Buch über Schwandt: „Sturmwarnung“. Der 41-Jährige und der 80-Jährige haben viel Zeit miteinander verbracht. Krücken sagt: „Es ist eine Freude, mit ihm unterwegs zu sein.“ Und der Seebär brummt: „Herr Krücken ist ein feiner Kerl, wir sind auf einer Wellenlänge. Und auf unseren Reisen haben wir über Tod und Teufel gesprochen.“
Die beiden treffen eine Stimmung. Der taffe Reporter, der in Chicago gearbeitet hat, für Stern und Spiegel schrieb, und der alte Seemann, der ein raues Leben kennt. Sie besitzen Haltung.

Schwandt hat den Bombenkrieg in Hamburg überlebt. Sein Vater war Nazi, auch noch, als alles in Schutt und Asche fiel. Der Sohn schwor sich, „nicht die Schnauze zu halten“, wenn Dummköpfe wettern. „Als damals die SA marschierte, da haben viele geschwiegen.“ Parolen, die gegen Zuwanderer hetzen, regen ihn auf. Er hat viel Verständnis für SPD-Chef Gabriel, der rechten Krakeelern den Stinkefinger zeigte. Er lacht tief und kratzig, wie es eben klingt, wenn man am Tag zwei Schachteln Zigaretten raucht: „Das ist die Geste, die die Kameraden verstehen. Sachliche Auseinandersetzung geht nicht. Wie Kanzler Helmut Kohl damals. Als der mit Eiern beworfen wurde, hat der eine Backpfeife verteilt. Zutiefst menschlich.“

„Es muss wehtun, damit sie verstehen.“

Im Telefonbuch steht Schwandt nicht, wo er wohnt, behält er für sich, trotzdem ergießen sich Drohungen und Beschimpfungen über ihn. Er zitiert aus Briefen und Facebook-Kommentaren: „Sie wollen mich vor den Volksgerichtshof stellen und erschießen, mich vernichten, ich soll meine Drecksfresse halten, sie wollen meinen Krabbenkutter abfackeln, sie meinen meine Wohnung.“ Inzwischen lässt er es nicht mehr auf sich beruhen, sondern erstattet Anzeige. „Es muss wehtun, damit sie verstehen.“

Er wünscht sich, dass man ihm sozusagen nicht nur bei Facebook auf die Schulter klopft: „Da beglückwünscht man mich für meinen Mut, aber Leute müssen selber Stellung beziehen.“ Schwandt ist ein Kompass geworden. Er erhält Zuschriften, in denen Menschen wissen wollen, wie sie ihr Leben in den Griff bekommen. Schwandt antwortet oft: „Aber einen konkreten Rat kann ich nicht geben. Ich kann Alternativen aufzeigen. Entscheiden muss man für sich.“ Der alte Schwandt und der junge Krücken überlegen, ob sie nicht auch daraus ein Buch machen.

Schwandt ist es egal, welche Hautfarbe, Religion oder Nationalität einer hat, für ihn ist es selbstverständlich, offen und direkt zu sein. Anders gesagt: „Der Prozentsatz der Arschgeigen in Afrika ist genauso hoch wie der in Deutschland.“