Aktuell
Home | Kultur Lokal | Kapitän Jürgen Schwandt präsentiert seine „Sturmwarnung“
Kapitän Jürgen Schwandt schaut seinem Verleger Stefan Krücken auf die Finger, sie sind ein gut eingespieltes Team. Foto: t&w
Kapitän Jürgen Schwandt schaut seinem Verleger Stefan Krücken auf die Finger, sie sind ein gut eingespieltes Team. Foto: t&w

Kapitän Jürgen Schwandt präsentiert seine „Sturmwarnung“

Von Hans-Martin Koch
Lüneburg. Er hat nichts ausgelassen im Leben, der Kapitän Jürgen Schwandt, zwei Schachteln Zigaretten am Tag quarzt er auch noch heute — mit 80 Jahren. Kerzengrade sitzt er auf dem Sofa, weißes Hemd, Krawatte, marineblaues Sakko, Einstecktuch und sagt: „Ich bin von niemandem und nichts abhängig, ich kann der Gesellschaft ohne Rücksicht auf Verluste was um die Ohren hauen.“ Das macht Kapitän Schwandt mit einem Blog, mit einer Kolumne in der Hamburger Morgenpost und mit dem Buch seines Lebens, das ihm und dem Ankerherz Verlag einen satten Bestseller beschert: „Sturmwarnung“.

Zu Gast ist Schwandt bei Bücher am Lambertiplatz — zum fünften Geburtstag des Geschäfts. Buchhändlerin Annett Matthaei hat für Deutschlands bekanntesten Seemann seit Hans Albers extra einen Aschenbecher gekauft, aber geraucht wird draußen. Seit vier Monaten steht Schwandts Lebensbericht weit oben in der Spiegel-Bestsellerliste, zurzeit auf Platz acht. Die Welle des späten Ruhms, die über ihn hereinbricht, nimmt Schwandt gelassen. „Ich verstehe es nicht“, sagt er mit abgeräucherter Stimme, „ich schaue mit großen Kinderaugen darauf, muss halt damit leben. Ich nehme mich nicht so wichtig.“ Mehr als 140000 Facebook-Freunde folgen seinem Blick aufs Leben. Der zeichnet sich wie seine Haltung durch Geradlinigkeit aus.

Schwandt zeigt in klaren Worten Kante gegen Rassismus, Rechtsausleger, Pegida, Engstirnigkeit. Was direkt zur Schattenseite seines Ruhms führt: Es gibt anonyme, sehr direkte und brutale Drohungen, nahezu täglich, sagt Verleger Krücken. Autor und Verleger halten dagegen, auch juristisch. Bei Lesungen steht mitunter ein Polizeiwagen vor der Tür, es saß auch schon aus gutem bzw. schlechtem Grund ein GSG-9-Mann im Publikum.

Der Titel des Buches, sagt Stefan Krücken, sei eben doppeldeutig. Er führt zum ganz konkreten Leben des Mannes, der alle Stationen eines Seemanslebens durchlief, und er meint zugleich die Situation, in der sich das Land befindet. Noch herrscht einigermaßen Ruhe.

Für Verleger Krücken ist die Lesung fast ein Heimspiel. Er lebte in Lüneburg, wäre gern geblieben. Als die Familie wuchs und auch der Verlag, fand sich kein bezahlbarer Wohnraum, Krückens zogen nach Hollenstedt.

Die Seefahrt war ein Weg zum Entkommen

Jürgen Schwandt ist und war immer Hamburger, aber eigentlich ist seine Heimat die See. Er wuchs in St. Georg auf, im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieg. Trümmerwüste, nichts zu essen, keine Heizung. Kohlenklauen. Schwandts Vater war Nazi-Offizier und wollte auch lange nach dem Krieg die Verbrechen seines Vaterlandes nicht wahrhaben. „Ich wollte raus, raus, raus“, sagt Schwandt. „Die Seefahrt war ein Weg zum Entkommen.“

Er startete 1952 als Moses, also als Schiffsjunge, auf dem Besansegler „Argonaut“. Er arbeitete sich hoch, war Sanitäter, was ihm im Rückblick drastische Anekdoten erlaubt, und schließlich schipperte er mit 30 Jahren als Kapitän der „Ludwigsburg“ über den Ozean, oft von Hamburg nach Chicago. Seiner Frau zuliebe blieb er schließlich an Land, am Ende leitete er den Wasserzoll in Hamburg.

Schwandt erlebt in hohem Alter eine stürmische Karriere und würde, könnte er alles auf Anfang stellen, wieder Seemann werden. Auch wenn Seeleuten heute keine Zeit mehr bleibt für die Reeperbahn und alles, was sich damit so verbinden lässt. „Man muss heute die See als Landschaft verstehen, die sich jeden Moment wandelt. Ich kann mich daran nicht satt sehen.“ Das Meer ist sein Leben. Jetzt aber muss er zur Lesung sogar nach München.