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Perfektes Paar: Tobias Feldmann mit seiner Violine von Nicolo Gagliano aus dem Jahre 1769. Foto: t&w
Perfektes Paar: Tobias Feldmann mit seiner Violine von Nicolo Gagliano aus dem Jahre 1769. Foto: t&w

Virtuos an der Violine

Von Antje Amoneit
Lüneburg. Als „Wunder von Hannover“ titulierte 2012 der Tagesspiegel die Tatsache, dass ein deutscher, sehr junger Geigenvirtuose zu den ersten drei Preisträgern des weltweit größten internationalen Violinwettbewerbs in Hannover zählte. Claus Hartmann, künstlerischer Leiter der Lüneburger Bachwoche, engagierte Tobias Feldmann vom Fleck weg, 2014 war der Student der Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“ erstmals in der akustisch so ideal für Kammermusik geeigneten Lüner Kirche begeistert gefeierter Gast. Sein zweiter Solo-Auftritt im Rahmen der diesjährigen Jubiläums-Bachwoche war wieder ein wunderbares Fest edelster Töne von Bach und Ysaye, hervorgezaubert auf einer Nicolo-Gagliano-Violine von 1769, die Feldmann seit Februar spielt.
Sie sei eben eine „Diva“, diese altvenezianische Geige, so Feldmann, nachdem eine Saite zu reißen drohte und er eine Pause zwischen Johann Sebastian Bachs dritter Partita in E-Dur und der zweiten Violinsonate op. 27 des 1931 in Brüssel gestorbenen Violinisten Eugène Ysaÿe einlegen musste. Feldmanns belebenden Interpretationen tat das keinen Abbruch. Sein feinnerviges Empfinden jedes Tons, das substanzielle Spannen großer Bögen, blieben unversehrt.
Empfindung ist
29wichtiger als Akrobatik
Der Virtuose Feldmann lässt sich nicht auf Zirkusakrobatik festlegen. Es kommt dem 25jährigen Künstler auch an diesem Abend einzig darauf an, die emotionale, eine zeitlos romantische Seite der Musik unmittelbar spürbar werden zu lassen. Seine Violine ist nicht viel jünger als Bachs 3 Sonaten und 3 Partiten für Solo-Violine, die der Komponist 1720 für den Hof Fürst Leopolds in Köthen ins Reine schrieb. Ihr Klang ist hochflexibel, ideal für das phantasiereiche Beseelen auch streng strukturierter Kammermusik.
Ein Hauch von
29freier Improvisation
Nicht nur Bachs Preludio etwa bekam weich schwingende Flügel, rhythmische Verve und dennoch einen gewissen Hauch von freier Improvisation. Das hat etwas mit beflügelter spielerischer Eleganz zu tun, damit, dass keine Sequenz ausdrucksmäßig der vorhergehenden gleicht. Ganz ohne Pathos krönte Feldmann auch die Partita Nr. 2 inklusive der berühmten Chaconne mit purer Klangschönheit. Die Variationen hört man sehr selten so berührend und ästhetisch atmend, mit derartigem Feingefühl für Klangnuancen, Tempi und kreative Übergänge.
Als spielten zwei oder drei Violinen schien es zuweilen, wenn der Geiger etwa mit dem Einsatz einer neuen Melodie im Geflecht der polyphonen Stimmen die Klangfarbe änderte. Auch in der dem Geiger Jacques Thibaud gewidmeten, Bach zitierenden 2. Sonate Ysaÿes hatte Feldmann vor der Pause mit ausdrucksstarker Stimmenklarheit, schwelgerischem Vibrato und facettenreichem Wohlklang jongliert, hier verführte der Violinist die gebannten Zuhörer überzeugend auch mit inniger Poesie und aufrüttelnder Dramatik.
Minutenlanger Schlussapplaus animierte den jungen Künstler schließlich zur Zugabe einer zart gezirpten Serenade: Francisco Tarregas Gitarren-Tremoloetüde „Recuedas de la Alhambra“ in einem Arrangement für Solovioline.