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Er schaut grimmig, sie weiß nicht, was mit ihm los ist: Karl Schneider als Otello und Signe Ravn Heiberg als Desdemona. Foto: t&w
Er schaut grimmig, sie weiß nicht, was mit ihm los ist: Karl Schneider als Otello und Signe Ravn Heiberg als Desdemona. Foto: t&w

Mit „Otello“ gelingt dem Theater ein packender Saisonstart

Von Hans-Martin Koch
Lüneburg. Wer Schlachten schlägt, braucht einen kühlen Kopf und einen scharfen Verstand. Er muss Freund und Feind trennen, klar und kalkuliert handeln. Das hat Otello als Chef der venezianischen Flotte mal wieder bravourös gemacht. Nach dem Triumph über die Türken läuft er in seinen Heimathafen ein, und schon ist ihm zu heiß im Hirn und im Herzen, setzt sein Verstand aus und sieht er nicht, wem zu trauen ist.

Blind vor Wut und Eifersucht stürzt er in eine Intrige, in der es um Macht geht, um Mord und gegen die kein Kraut hilft und keine Liebe. Was für eine Raserei, die Giuseppe Verdi in seiner Shakespeare-Adaption in Klang übertragen hat! Was für eine mörderische Aufgabe für die Sänger und was für eine knifflige für die Regie! Hajo Fouquet und Stefan Rieckhoff halten ihren „Otello“-Zugriff am Theater Lüneburg schlank, pfropfen nichts auf, und darum ist dieser Abend so wirksam.

Die Musik sagt ja alles und auch das, für das es kein Wort gibt. Sie stürmt, donnert und blitzt, sie hält inne, dringt tief in die Psyche vor. Immer wieder formen Thomas Dorsch und die prächtig aufgelegten Symphoniker Klangmischungen, die sich regelrecht unter die Haut bohren. Auch mit dem Chor (Phillip Barczewski) baut Dorsch Szenen größter Dramatik auf. Die Oper ist durchkomponiert, es gibt für die Sänger keine Imponiermasse, keine auftürmenden Bravour-Arien, damit das Publikum jubeln oder buhen kann. Hier besitzt alles einen inhaltlichen Sinn, jeder Takt treibt die Tragödie weiter, Szenen gleiten fast immer ineinander. Das ist vom Komponisten packend gebaut und kommt so auch in der Umsetzung rüber.

Das verheerende Gift der Eitelkeit

Stefan Rieckhoff hat dafür einen Raum entworfen, der sich ins Unendliche öffnen kann, aber auch das innere Gefängnis abbildet, in dem die Akteure stecken. Türen und Durchlässe liefern den Intriganten Lauschraum. Das Gold an den Wänden befindet sich im Zustand des Verwitterns, je nach Licht glänzt es noch oder ist nur dunkler Schimmer. Sonst ist die Welt leer, ab und zu bläht der Wind von der Seite Vorhänge hinein, sie verheißen nichts Gutes, das weiß man aus dem Gruselkino.

Hajo Fouquet setzt einen Sog des Scheiterns in Szene. Er zeichnet mit seinem spielfreudigen Team nach, wie politisch und persönlich verheerend das Gift der Eitelkeit wirkt. Szenisch fiel den Autoren früherer Tage nur der Brief oder ein Tuch ein, um ein Objekt als Beweis ins Spiel zu bringen. Das ist auch hier der Fall, aber das Tuch steht ja nur für die zersetzende Kraft blind laufender Gefühle. Otello ist übervoll davon, und der in seinem persönlichem Machtstreben gekränkte Jago kann mit diabolischem Geschick seinem dunklen Dämon Zucker geben. Doch Jago wird bei allem Tod und Triumph nicht ungeschoren davonkommen.

Star des Abends ist eine Frau

Der Star des Abends ist eine Frau. Signe Ravn Heiberg singt eine Desdemona, der das Publikum zu Füßen liegt. Heiberg verkörpert eine Frau, die ihre Rolle im Machtgefüge angenommen hat. Sie tritt im Hosenanzug als Managerin auf, sie trägt eine Robe zum Repräsentieren, aber auch das bunte Kleid der arglos Liebenden. Alles singt die So­pra­nistin mit einer inneren Überzeugung und einer locker wirkenden Souveränität, mit strahlenden, nie spitzen Höhen, mit Leidenschaft und mit einer anrührenden Zärtlichkeit. Sie wirkt noch beim typisch unendlich lebensvollen Verdi-Tod glaubwürdig. Heiberg ist die Entdeckung dieses Abends.

Peter Felix Bauer ist der Gast und ein geschmeidiger Jago, immer präsent, höchst variabel zwischen Verschlagenheit und aufgesetzter Jovialität. Ganz so locker kommt Karl Schneider nicht in die extrem fordernde Titelpartie hinein. Kann er auch nicht, er ist nicht topfit, stellt sich aber dieser Rolle, auf die er so lange hingesungen hat, und er gewinnt im zweiten Teil immer mehr an Format und Souveränität. Schneider, am Zenit seiner Karriere, lebt diesen aufbrausenden Typus Mensch, der seine Gefühle nicht kontrollieren kann, der wie ein Getriebener handelt und seine Menschlichkeit nicht lebt.

In jedem Moment ein spannender Abend

Timo Rößner macht eine ganz starke Partie als ausgetrickster Cassio, Regina Pätzer trumpft als aufrechte Emilia auf. Es gibt keinen Hänger bei den weiteren Rollen, bei denen Thomas Stückemann einen unauffällig angelegten Rodrigo gibt, Wlodzimierz Wrobel (Ludovico), Steffen Neutze (Montano) und Volker Tancke als Herold zu hören sind.

„Otello“ mag nicht die massenwirksamste der großen Verdi-Opern sein, aber sie zählt zu seinen besten. Wer sich auf sie einlässt, was nicht schwerfällt, erlebt einen in jedem Moment spannenden Abend.

Ehrung für Jan Aust

Fast zwanzig Jahre hat Jan Aust das Theater Lüneburg geprägt und mit ruhiger Hand geführt. Jetzt ist Aust Ehrenmitglied des Theaters. Renate Rudolph, Vorsitzende des Aufsichtsrats der Theater GmbH, überreichte Aust die Urkunde im Rahmen der Premierenfeier. Sie erinnerte kurz an die Ära Aust von der Zirkuszelt-Spielzeit bis zum T.3-Bau — und an 80 Inszenierungen Austs.

Der erste Abend der Spielzeit bedeutet für den Freundeskreis des Theaters Schwerarbeit: Es gab wieder das beste aller denkbaren Büffets, und täuschen zur Nacht hin die Tische nicht, so gelang es, der Aufforderung von Freundeskreis-Chefin Heide-Rose Schaefke Genüge zu tun: Esst alles auf!

Mit der Technik ist das so eine Sache. Für viel Geld hat das Theater eine Klimaanlage bekommen. Alles sollte wohltemperiert werden. Im zweiten Teil der Oper aber wurde es nicht nur der Titelfigur zu heiß im Kopf. Die Anlage fiel aus, der Mann-für-alle-Fälle Walter Hampel krabbelte aufs Dach zum Reparieren.

Es gibt nichts zu lachen bei „Otello“, einmal aber doch. Nach der Pause hakte die Übertext-Alage und zeitrafferte das Geschehen. Das war unfreiwillig komisch, löste Lacher aus, die den gerade singenden Volker Tancke rätseln ließ, ob es an ihm liegt. Nein. Ein nach oben sprintender Friedrich von Mansberg brachte den Text fix ins Lot.