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Eine Collage von Tala Ranjbaran. Der Kunstraum Tosterglope präsentiert Werke der Fotografin. Foto: ff
Eine Collage von Tala Ranjbaran. Der Kunstraum Tosterglope präsentiert Werke der Fotografin. Foto: ff

Reisen und Reflexionen: Ausstellung in Tosterglope

Tosterglope. Nackte Betonmauern, rostende Baustellen, Geröllhalden, verdorrtes Land: Zugreisenden präsentiert sich der Iran offensichtlich nicht gerade von seiner schönsten Seite. Die Fotografin Roya Noorinezhad war in den Jahren 2007 bis 2011 regelmäßig im Intercity zwischen Teheran und Karaj unterwegs. Unterwegs hat sie das getan, was man auf eintönigen Fahrten so tut — also viel aus dem Fenster geschaut. Was sie gesehen hat, zeigt nun der Kunstraum Tosterglope in einer Doppel-Ausstellung im Rahmen des „Dastgah“, des „Festivals zeitgenössischer iranischer Musik, Literatur, Kunst und Filmkunst“.

Der Blick aus dem Intercity-Fenster

Eigentlich sei, so Roya Noorinezhad, das regelmäßige Reisen einer Pendlerin „eine angenehme Erfahrung. Die Turbulenzen des Alltags werden hinter uns gelassen, während wir täglich die Landschaften zwischen zwei Städten sehen.“ Das wiederum wecke den Wunsch, das Gesehene auch zu besuchen. Doch „diese subjektive Erfahrung und dieser Blick auf die Dinge ist keineswegs fotografisch leicht einzufangen.“ Tatsächlich ist die Haltung der Fotografin ambivalent, ihre Bilder zeigen seelenlose Architektur und einen eher ruppigen Umgang des Menschen mit der Natur. Die spröden Exponate sind fast durchweg im Mini-Format, etwa wie Spielkarten. Damit unterstreicht die Künstlerin das Flüchtige der Eindrücke, hinterfragt zugleich die Zuverlässigkeit der Erinnerung. Noorinezhad, Jahrgang 1986, studierte zunächst Fotografie in Teheran, ist heute Master-Stipendiatin an der Folkwang-Universität in Essen.

Betonung einer gesellschaftspolitischen Position

Die andere Hälfte der Ausstellung gestaltet ihre Kollegin Tala Ranjbaran. Im Mittelpunkt stehen Collagen, die orientalische Architektur-Elemente mit abendländischen Frauenporträts kombinieren. Sie werden nicht explizit benannt, auffällig ist aber die Betonung einer bestimmten gesellschaftspolitischen Position. Zitiert wird etwa jene mondäne „Sonja“, die Christian Schad im Jahre 1928 malte: eine selbstbewusst wirkende Frau, die mit Zigarette und Kurzhaarfrisur eine emanzipatorische Aufbruchstimmung in der Weimarer Republik symbolisiert. Im Original sitzt Sonja in einem Berliner Künstlercafé; Tala Ranjbaran löst sie aus diesem Kontext, und lässt sie nun vor iranischen Ornamenten posieren, die aus dem Hintergrund hervortreten und sie wie einen Schal (oder einen Schleier) umschlingen. Man könnte auch sagen: fesseln. In einer anderen Collage sind US-Ikonen wie Marilyn Monroe und J. Howard Millers kultige, die Ärmel hochkrempelnde Poster-Powerfrau „Rosie“ („We can do it!“) zu erkennen. Tala Ranjbaran, ebenfalls Jahrgang 1986, studierte Malerei, lebt und arbeitet in Teheran.

Moderne Frauen und traditionelle Architektur

„Dastgah“ bezeichnet in der iranischen Musik eine bestimmte Position der Hand auf einem Instrument.  Gemeint ist zugleich ein modales System in der traditionellen persischen Kunstmusik. Das Festival der Hannoverschen Gesellschaft für Neue Musik dreht sich also zunächst, aber eben nicht nur, um Klänge. Die Ausstellung im Kunstraum Tosterglope läuft noch bis Sonntag, 25. September. Auf der Finissage um 15 Uhr laden die Künstlerinnen zum Gespräch, dazu spielt das iranische Duo Santronic Musik mit Live-Elektronik und der traditionellen Tanbur. Frank Füllgrabe