Aktuell
Home | Kultur Lokal | Die Prinzessin und der Pjär im T.3
Felix Breuel und Stefanie Schwab spielen zwei sehr verschiedene Schüler, die plötzlich aufeinander angewiesen sind und einen Weg zueinander finden. Foto: theater/t&w
Felix Breuel und Stefanie Schwab spielen zwei sehr verschiedene Schüler, die plötzlich aufeinander angewiesen sind und einen Weg zueinander finden. Foto: theater/t&w

Die Prinzessin und der Pjär im T.3

Von Hans-Martin Koch
Lüneburg. So eine Schultoilette, die lädt grundsätzlich nicht gerade zum Verweilen ein. Wer dort länger bleibt als nötig, muss ein Problem haben. Lisasophie hat eins, Pierre auch. Und nun haben die beiden Zehnjährigen noch ein weiteres: Irgendwer hat die Außentür abgeschlossen. Es ist Freitagmittag, die Schule ist leer, und da hocken sie nun. Zwei, die sich eigentlich nicht leiden können. Dass sie doch Gemeinsamkeiten haben, das klären sie in dem Kinderstück „Die Prinzessin und der Pjär“. Am Donnerstagvormittag hatte es Premiere im T.3, der jungen Bühne des Theaters Lüneburg.

Lisasophie betrachtet die Welt von oben: Papa hat eine Kanzlei und einen BMW. Lisasophie schreibt in der Regel Einsen, spielt als höhere Tochter Geige, und sie muss jetzt dringend zu ihrem Geigenlehrer. Blöderweise hat sie auf dem Mädchenklo ihre Geige vergessen. Sie rennt zurück, aber die Tür ist zu. Und warum gucken da viel zu große Schuhe für ein Mädchen hervor?

Sie bekommt Geigenunterricht, er Nachhilfe

Sie gehören Pierre, genannt Pjär, der Bär. Er sucht einen sicheren Ort, um seine Mathearbeit zu versenken. Mangelhaft. Mal wieder. Pjär kennt das schon. Geht Lisasophie zum Geigenunterricht, muss er zur Nachhilfe. Seine Motivation ist im Keller. Die Musterschülerin Lisasophie allerdings, so doof scheint er sie nicht zu finden. Sie entspricht auch gar nicht dem Rosa-Schleifchen-Typ, auch wenn sie so eine Überfliegerin ist. Und natürlich hat sie beim Theaterstück der Klasse die Hauptrolle, die Prinzessin, gespielt.

Milena Baisch hat für Menschen ab acht Jahren ein kluges, freches und dynamisches Stück geschrieben. Die beiden Eingeschlossenen umkreisen sich, flüchten in Spiel- und Phantasiewelten, und wie nebenbei kommen ihre inneren Nöte ans Licht. Ihre Gluckenmutter und ein Vater, der mit ihr angeben will. Bei ihm sind die Eltern meist abwesend, dann aber muss er mit seinem Vater büffeln, bis sich alles in ihm dreht.

Es geht in dem preisgekrönten 60-Minuten-Stück nicht nur um Gegensätze, es geht auch um Leistungsdruck, den beide von ihrem Elternhaus spüren und darum, dass sie neue Welten spüren, die irgendwas mit Verliebtheit zu tun haben. Aber das würden sie nie, nie, nie sagen.

Leistungsdruck aus dem Elternhaus

Da stehen also zwei Toilettenkabinen auf der Bühne und am Rand Wischmop und Eimer fürs Putzpersonal. Im Bühnenbild von Swana Gutke sorgt Regisseur Thomas Ladwig für eine Menge Action. Er dreht das Tempo hoch, achtet auf Szenenwitz, lässt Pups- und Popel-Szenen zu, aber nicht zu grell. Mit Musik und Lichtwechseln werden Stimmungen vertieft, und bei aller Rasanz bleibt Zeit, Löcher in die Luft zu starren, wenn Lisasophie und Pierre nicht wissen, wie das alles weitergehen soll.

Zu erleben ist ein unterhaltsames Mutmachstück darüber, dass man Vorurteile, Grenzen überwinden kann, und das bringen Stefanie Schwab und Felix Breuel mit ihrem sehr direkten Spiel treffend rüber. Die Sprunghaftigkeit und Ungeduld von Kindern ist zu spüren, ebenso die Kunst, sich mit kleinsten Mitteln spielerisch in eine andere Welt zu versetzen und ganz im Moment zu leben. Beide spielen mit leuchtenden Augen, sehr körperlich und einfühlsam. Das kommt beim jungen — und auch beim nicht mehr ganz so jungen — Publikum sehr gut an.