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Jetzt wäre die Rache so leicht: Doch Hamlet (Paul Brusa) zaudert, den Mörder seines Vaters (Philip Richert) zu töten. Foto: Theater/t&w
Jetzt wäre die Rache so leicht: Doch Hamlet (Paul Brusa) zaudert, den Mörder seines Vaters (Philip Richert) zu töten. Foto: Theater/t&w

Blind vor Gier und Rache

Von Hans-Martin Koch

Lüneburg. Was haben sie im Laufe der Jahrhunderte aus dem Hamlet alles gemacht! Sie haben ihn zum Chefmelancholiker stilisiert, als aufgeklärten Intellektuellen gezeichnet, er nuschelte als introvertierter Philosophierer über die Bühne und brüllte als durchgeknallter Berserker. Das ist die Größe des Shake­speare-Textes, dass jede Zeit sich ihren Reim machen kann — und machen muss. Malte Kreutzfeldt hat für seine Inszenierung am Theater Lüneburg eine eigene Fassung geschrieben und einen „Hamlet“ bzw. einen Hamlet geschaffen, der die ganze schillernde Widersprüchlichkeit einer aus den Fugen krachenden Welt transportiert. Das macht es nicht einfach, weil die Welt eben so vieldimensional ist, aber es wird über sehr weite Strecken ein spannender Abend.

Es ist dunkel im Staate Dänemark, Nebel und Niesel ziehen in Schwaden durch die Nacht. Die Wachen bei Hofe streuen mit Taschenlampen schwachen Schein ins Finstere, und in diese Nacht hinein wird ein Klavier wie von Geisterhand Erik-Satie-Klänge spielen, schön und schwer melancholisch. Sie kehren wieder wie ein inneres Mantra und bilden wohlig unheimliche Ruhepole in einem Geschehen, das sich rasant bergab begibt. Hinunter zu Wut und Rache, den blindesten aller Leidenschaften, die zu nichts nützen, die in Ausgrenzung, Blut, Mord und Tod münden. Da hat die Welt seit Shakespeare nicht dazugelernt. Im Gegenteil.

Kreutzfeldt setzt ein Spiel voller Kraft und Energie in Gang. Leuchtstäbe konturieren den von ihm entworfenen Raum, Seile winden sich wie ein weites Spinnennetz über die Bühne. Kreutzfeldt bringt vieles zusammen, lässt es gleichzeitig laufen. Er mischt die Groteske, die Komödie, den Rache-Krimi und das Karrierespiel in die Tragödie hinein. Das eine steckt eben immer im anderen, sogar noch im bösen Finale. Der Zuschauer bleibt auf schwankendem Grund. Kreutzfeldt bricht seinen Realismus auf, er lässt Passagen per Mikro ins Publikum sprechen, macht Inneres zu öffentlichen Statements. Und die Toten, sie sind immer doch da.

Kreutzfeldts Textfassung ist klar und frisch, biedert sich nicht dem Zeitgeist an. Sie bleibt dem Geschehen zugewandt, treibt es voran und deckt die Brüche der Figuren auf. Die transportiert keiner so lakonisch wie Philip Richert als König Claudius. Der mordet sich aus purer Gier an die Macht, bekommt die schöne Königin ins Bett. Er gibt sich jovial und zynisch und spürt, dass dieser Hänfling Hamlet ihn durchschaut und unberechenbar wird. Keiner wiederum deckt Kreutzfeldts Liebe zur Sprache so sprechmächtig auf wie Matthias Herrmann als Polonius. Das ist ein eitler Ratgeber des Königs, der jedem Wind nachdreht und rhetorische Gymnastik treibt.

Die Charaktere berühren nicht nachhaltig

Malte Kreutzfeldt setzt ein intellektuell durchdachtes, mit Licht und Sound emotional unterfüttertes Konzept in Gang. Dem ist gut zuzusehen, und es löst viel aus. Die Figuren aber, die Charaktere, sie berühren nicht nachhaltig. Selbst Hamlet, die Titelfigur, ist schwer zu fassen. Paul Brusa spielt ihn als leidenschaftlichen, aufgeklärten, nun aber aus der Selbstgewissheit gekegelten jungen Mann. Das machen dieses Klavier und dieser Chor, der zu seinem Inneren spricht. Den Chor formt das ganze Ensemble — starke Szenen, starke Bilder! Brusa pendelt seine Figur zwischen Kalkül der Rache und Verzweiflung der Gefühle aus. Hamlets Liebe zur Mutter, die er zugleich hasst, bleibt noch in der Wut spürbar.

Die Gertrud, die um den Mord ihres Mannes an ihrem ersten Gatten weiß, wird von Beate Weidenhammer als schöne, vom Schicksal getriebene Frau gespielt. Sie ertränkt ihre spürbaren Schuldgefühle mit Alkohol, was ein dick aufgetragenes Bild ist, aber nicht zu fett ausgespielt wird.

Wunderbar, wie ruhig Tülin Pektas die unschuldsweiß gekleidete Ophelia vorführt, eine junge Frau, die weiß, wie sie nicht leben will und drum nicht weiter mag. Ebenso wird bei Rosenkrantz und Güldenstern (Martin Andreas Greif, Martin Skoda) nicht zu dick aufgetragen, sie werden eher über die Kostüme (Anke Wahnbaeck) denn über die Inszenierung als nützliche Deppen gezeigt. Auch Horatio (Fabian Kloiber) und Laertes (Wolfgang Erkwoh) leisten ihren Teil so unaufdringlich wie präsent.

Im zweiten Teil verliert die Inszenierung ein wenig ihren inneren Druck, ihre bezwingende Kraft. Wie sich ein Totengräber mit der Leiche Ophelias balgt, das wirkt nur noch aufgesetzt und krampft. Die heftigen Gefechte, die sich Hamlet und Laertes liefern, wenn es denn zum großen Sterben geht, sind mit Axel Hambach bewundernswert einstudiert, stehen indes etwas für sich. Am Ende aber eines unbedingt sehens- wie streitwerten Abends gibt es langen Beifall.