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Martin Skoda auf der Bühne
Martin Skoda dringt in die Abgründe eines Orchestermusikers vor, der endlich einmal Aufmerksamkeit bekommen will. Foto: Theater

Hoch fliegen, tief tönen

Von Hans-Martin Koch

Lüneburg. Er ist Tuttist. Am dritten Pult, ganz hinten. Er spielt Kontrabass. Er ist Beamter. Der Kontrabass ist das Fundament der Musik, wird er dozieren, der Kontrabassist aber der einsamste Musiker der Welt, das wird er vorleben. Patrick Süskind hat dem Mann ein wunderbares Solo geschrieben, und das ist seit 35 Jahren erfolgreicher als alle Musik für das knurrige Instrument. Jetzt rückt Martin Skoda auf der Bühne noch ein paar Möbelstücke hin und her, während langsam das Licht und die Gespräche im T.NT erlöschen. Es wird ein witziger, ein sehr unterhaltsamer Abend über eine traurige Seele.

Mehr geht ja nicht als das Pensum, das Martin Skoda gerade abreißt. Zwei Premieren in drei Tagen. In „Hamlet“ war er als Marcellus, Güldenstern und zweiter Totengräber aktiv und ist es am 30. September wieder. Schon starten die Proben zu „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“, Premiere ist am 27. Oktober. Und dazwischen Skodas Meisterstück, das Textmassiv namens „Kontrabass“.

Er liebt die Ordnung 

Es sind noch etwa 90 Minuten bis zur Vorstellung. Der Musiker hat seinen Kontrabass und seine Arbeitskleidung — „Frack wird gestellt!“ — in einem Raum deponiert, der als Lager dient. Ein Stapel Stühle für „Otello“, wie ein Aufkleber mitteilt, ein Sessel für „Cosí fan tutte“, ein Pult für „Rheingold“ und ein Hocker für „Amor und Psyche“. Das passt. Bier ist auch da.

Er hat ein paar CDs mitgebracht, alles Klassik. Mit „Jatz“ hat er ja mal angefangen, damals, aber dem hat er abgeschworen. Er liebt die Ordnung und nicht die Improvisation. Im Orchester wiederum gäbe es gar keine Ordnung, wenn nicht der Kontrabass wäre, der alles zusammenhält. Ohne diese Kraftquelle, diese Muttererde würde das Orchester in babylonischer Sprachverwirrung verenden, belehrt der Mann und trinkt ein Bier. Dann noch eins. Und bald noch eins und danach ploppt er die nächste Flasche auf.

Wenn Martin Skoda seinen Musiker über die eigene Bedeutung bzw. die seines Instrumentes reden lässt, irren seine Blicke fordernd durch den Saal, um Anerkennung heischend. Denn sie ist es, die fehlt. Plopp, das nächste Pils. Seit vier Jahren habe er ja auch keine Frau gehabt, stellt der Mann fest, er ist in der oberen Mitte der 40er angekommen, er lebt allein mit seinem Kontrabass, den er — plopp! — als fettes, altes Weib beschimpft.

Martin Skoda holt alles raus aus der Rolle

Und während er zur Pause Musik von Karl Ditters von Dittersdorf einschiebt, der immerhin zwei Konzerte für den sonst so übersehenen Kontrabass schrieb, dürfte der Biervorrat in den Theaterkatakomben weiter zur Neige gehen. Von nun an gehts bergab, in schnellen Schritten. Die unerhörte Liebe zur Mezzosopranistin Sarah gibt ihm den Rest. Er wettert, er greint — Martin Skoda holt alles raus aus der Rolle. Und kündigt die unerhörte Tat an, die er vollbringen wird — die Landeszeitung werde berichten! Plopp!

Kleine lokale Anspielungen bauen Regisseur Johan Heß und Martin Skoda ein. Sie haben für den Monolog ein treffendes Timing gefunden, mit dosierten und darum glaubwürdigen emotionalen Ausbrüchen, bei denen die Hybris ins Jämmerliche gleitet. Skoda spielt mit der Figur, mit der Sprache und entwickelt einen Menschen, der wie aus der Nachbarschaft geschnitten ist. Etwas unscheinbar, freundlich, klug — und doch voller Abgründe, die Plopp sei Dank in diesem Stück zutage treten.

Martin Skoda erntet großen Beifall, auch sein Regisseur, und das wird so bleiben. Der nächste Abend mit „Kon­tra­bass“ findet am 2. Oktober statt.

Urlaubsflair auf der Bühne
Der Spielplan des Theaters Lüneburg füllt sich. Zwei Musiktheaterproduktionen aus der vergangenen Spielzeit starten in dieser Woche neu. Beide verbreiten Urlaubsstimmung. Im Großen Haus wird die Operette „Im Weißen Rössl“ wieder ab Donnerstag, 29. September, gespielt. Olaf Schmidts turbulente Inszenierung stieß zur Premiere auf breite Zustimmung. Karl Schneider, Philip Richert, Gerry Hungbauer, Beate Weidenhammer und Kollegen werden das Salzkammergut bis in den Februar immer wieder in den Norden holen.
Wieder in See sticht auch das „Traumschiff T.NT“. Die von Leif Scheele auf Kurs gebrachte „musikalische Kreuzfahrt“ wird auf der Studiobühne T.NT gespielt und gesungen. Strandperlen des deutschen Schlagers, Fernwehmelodien und manches mehr erklingen in der mit viel Ironie aufbereiteten Liederrevue wieder ab Freitag, 30. September, 20 Uhr. lz