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Zweimal Im Weißen Rössl: In der Spielzeit 1946/47 waren Aenne Bruck als Wirtin Josepha und Erich Marx als Zahlkellner Leopold mit dabei.  2016 spielt Beate Weidenhammer die Wirtin, Gerry Hungbauer den Kaiser. Ab morgen, Donnerstag, ist das Singspiel wieder zu erleben. Fotos: mac/Repro: Boldt, Theater/t&w
Zweimal Im Weißen Rössl: In der Spielzeit 1946/47 waren Aenne Bruck als Wirtin Josepha und Erich Marx als Zahlkellner Leopold mit dabei. 2016 spielt Beate Weidenhammer die Wirtin, Gerry Hungbauer den Kaiser. Ab morgen, Donnerstag, ist das Singspiel wieder zu erleben. Fotos: mac/Repro: Boldt, Theater/t&w

70 Jahre Theater Lüneburg

Von Hans-Martin Koch
Lüneburg. Lech Walesa feierte seinen dritten, Silvio Berlusconi seinen zehnten Geburtstag, Hamburg sein öffnendes Thalia Theater und Lüneburg einen „Verwandelten Komödianten“ — als erstes Theaterstück nach dem Krieg. Es war Sonntag, der 29. September 1946. „Lüneburg hat wieder ein eigenes Theater“, schrieb die Landeszeitung vor nun 70 Jahren, und weiter hieß es: „Das ist in der Geschichte der Stadt ein bedeutungsvoller Schritt voran. Er wurde getan in einer Zeit allergrößter wirtschaftlicher Bedrängnis und beklemmender Raumenge.“

1946, die Stadt stand unter britischer Kontrolle. Villen, Hotels, Kasernen, Kurhaus, Kinos, Kneipen ­– alles hatten die Briten besetzt und beschlagnahmt. Es gab kaum Arbeit, wenig zu essen, dazu eine gewaltige Wohnungsnot. Denn die Stadt explodierte. Lebten vor dem Krieg 39.000 Menschen in Lüneburg, so suchten nun trotz Zuzugssperre mehr als 65.000 ein Unter- und ein Auskommen. Die Stadt schaffte es, die Heerschar von Flüchtlingen zu integrieren. Und sie besann sich aller Not zum Trotz zugleich auf Werte, die über den Tag hinausgehen. „Der Weg zur Humanität, der über die Kunst führt, scheint zwar müheloser als jeder andere, er ist es keineswegs“, schrieb Ernst Riggert (1902-1977), der erste Chefredakteur der Landeszeitung, ein NS-verfolgter Journalist, der das KZ überlebt hatte.

Die Besucher brachten Briketts zum Heizen mit

Als Theater diente die Albert-Fuchs-Turnhalle des MTV Treubund an der Neuen Sülze 9. Es gab dort einen Vorläufer zur Lüneburger Bühne. Walter-Hans Adebahr, aus Berlin geflohener Kinobetreiber und ehemaliger Truppenbetreuer, betrieb in der Halle das „Metropol-Theater“ mit Konzerten und Varieté. Am 1. August 1945 hatte er dort das erste Konzert nach dem Krieg organisiert, es spielten Friedrich Seelhorst und Kapelle, zwei Frauen sangen Schlager und eine „Madame Butterfly“-Arie, und Tänzerin Renate de May legte einen Tango hin. Adebahr aber verscherzte es sich bald mit den Briten. Sie legten das Theater in die Hand der Stadt.

Erster Intendant der nach Renovierungen öffnenden, 525 Plätze bietenden Lüneburger Bühne war Rolf Hübner. Es wurde kräftig improvisiert. Aus Trümmern geklaubte Ziegelsteine wurden zur festen Bühne, Scheinwerfer stammten aus ehemaligen Kriegsschiffen, auch vom Rathaus. Zum Chronisten der frühen Jahre wurde Torsten Hünke von Podewils, auch als Musiker war er wichtig fürs Theater.

Der erste Spielplan verhieß unter anderem Sophokles „Antigone“, Goethes ,,Urfaust“, Lessings „Nathan der Weise“, Shakespeares „Was ihr wollt“, Calderons „Das Leben ein Traum“, Kleists „Der zerbrochne Krug“, Hebbels „Maria Magdalena“, Klabunds „Kreidekreis“, Hauptmanns „Biberpelz“, dazu Komödien, Sing- und musikalische Lustspiele. Ein gewaltiges Pensum für ein kulturell ausgehungertes Land. Zu den ersten Darstellern gehörte Siegfried Wischnewski (1922-1989), der später eine solide Filmkarriere hinlegte, zum Beispiel an der Seite von „Pater Brown“ Heinz Rühmann. Der Winter 46/47 aber wurde bitterkalt, das Publikum zahlte schon mal mit Briketts, das Haus musste trotzdem für drei Monate schließen.

Immer gab und gibt es Stress mit dem Geld

Das Theater blieb in der Diskussion, das ist eigentlich so wie heute. 1949 zum Beispiel debattierte der Rat hart und kontrovers über das Theater: Weitermachen? Zumachen? Sparte schließen? Spielzeit kürzen? Es ging wie heute ums Geld. Theater ohne Krise gab es nicht, gibt es nicht. In der Zeit des Intendanten Willie Schmitt (1949 bis 1959) wurde die Spielzeit auf acht Monate verkürzt. Erst zur Zeit von Thomas Bayer (1985 bis 1991) — und der von Oberstadtdirektor Reiner Faulhaber — wurde schrittweise die ganzjährige Spielzeit zurückerobert. Stadt und Kreis sind heute Gesellschafter der Theater Lüneburg GmbH und Anwälte des Fortbestehens.

Vor 55 Jahren, am 1. Oktober 1961, wechselte das Stadttheater an seinen heutigen Standort — ins 1956 gebaute vorherige britische Globe-Kino. Intendant war Heinz Zimmermann, erste Premiere: „Was ihr wollt“. Operette stand nach wie vor hoch im Kurs, Top-Star am Haus war Dagmar Koller.

Das Theater wuchs. 1979 kam, zunächst im Obergeschoss an der Ritterstraße, als Studiobühne das T.NT hinzu, eingerichtet vom Intendanten Alexander dé Montleart (1979-1985). Unter Jan Aust, der ab 1991 fast 20 Jahre lang das Theater leitete, wurde als Spielstätte für junges Publikum das T.3 gebaut.

Die Geschichte des Theaters ist in zwei Büchern dokumentiert. „Vorhang auf!“ heißt das Buch über die Jahre von 1946 bis 1990, verfasst von Torsten Hünke von Podewils. Kurt-Achim Köweker, Chefdramaturg bei Jan Aust, schrieb „spielzeit: Theater in Lüneburg 1990-2001“.

70 Jahre Theater Lüneburg: Gefeiert wird nicht. Der 29. September 2016 bringt auf der Bühne des Theaters die Wiederaufnahme des Benatzky-Klassikers „Im Weißen Rössl“. Da gibt es aber schon einen Bezug zum Start: Das „Rössl“ war der Superhit der ersten Spielzeit 1946/47 — 60 ausverkaufte Vorstellungen!