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Navid Kermani im Gespräch mit Insa Wilke über seinen neuen Roman Sozusagen Paris. Foto: t&w
Navid Kermani im Gespräch mit Insa Wilke über seinen neuen Roman Sozusagen Paris. Foto: t&w

Navid Kermani liest im Hörsaal

Lüneburg. Der Mann hat einen Roman über seine große Liebe vor 30 Jahren geschrieben, befindet sich auf Lesereise, und nun steht Jutta, die eigentlich nicht Jutta heißt, im Folgenden aber doch, nun also steht sie in irgendeiner kleinen Stadt vor ihm. Nach dem Lesen, er signiert seine Bücher, und sie sagt: „Aber nicht für Jutta“. Das ist der erste Satz im neuen Roman von Navid Kermani. Er hat zwei Jahre nach „Große Liebe“ wieder einen Liebesroman geschrieben hat: „Sozusagen Paris“, sozusagen ein Weiterdrehen. Im überfüllten Leuphana-Hörsaal stellt Kermani sein Buch vor und liest Passagen, die bedingt typisch sind.

Navid Kermani befindet sich also auf Lesereise, und es werden viele vor seinem Tisch zum Signieren stehen. Der Autor im Roman, das ist er natürlich schon selbst. Kermani nimmt sich die Freiheit, mit seiner Biographie, seinem Beruf und mit Ebenen von Realität zu spielen. Er führt kuriose innere Dialoge mit seinem Lektor, hebt ab zu ausgiebigen Gedankenflügen zu Proust, Stendhal, ihren französischen Kollegen und natürlich auch zu Tolstoi, und er verquickt den Roman, den sein Autor schreiben wird, mit dem Roman, aus dem er gerade liest. Ein kluges, amüsantes Vexierspiel.

Die Revolution endet mit der Mülltrennung

Handlung braucht es da wenig. Mit seiner Romanheldin Jutta, der von ihm romantisierten frühen Liebe, die er zuerst nicht erkennt, wird der Schriftsteller — nach „obligater Geselligkeit“ mit den Honoratioren — die Nacht verbringen, in ihrem Wohnzimmer bei Wein und Tee und Büchern. Es wird geredet, das heißt, sie redet. Ihr Mann sitzt nebenan über Abrechnungen. Sie hat den Arzt kennengelernt, als beide noch die Welt retten wollten, damals in Lateinamerika. Was blieb von der Revolution? Der Kampf für Mülltrennung. Sagt Kermani im Gespräch.

Jutta rechnet ab, mit ihrer Ehe, ihrem Leben zwischen Bürgermeisterei, Kindern und Tantra-Unterricht. Der Autor hört den Szenen ihrer Ehe zu, ordnet ein, schweift ab, sinniert über Unmöglichkeit, Vergänglichkeit und Notwendigkeit von Liebe, Ehe und Erotik. Ein Kermani-Roman ist immer auch ein Buch über Geistes- und Literaturgeschichte. Er sei ein Les-Schreiber, habe seine kleine Tochter gesagt. Treffer!

Navid Kermani kam zwischen Stationen in Berlin, Hamburg und München als Ehrengast des Heine-Hauses, ausgewählt „für sein erzählerisches Werk voller funkelnder Beobachtungen und ironischer Reflektionen und seine faszinierende literarische Erkundung des westöstlichen Lebens“, zudem als „wesentlicher Intellektueller unserer Zeit“. Kermani, geboren 1967 in Siegen, ist habilitierter Orientalist, er bekam 2015 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, in diesem Jahr den Marion-Dönhoff-Preis für internationale Verständigung und Versöhnung. 2014 hielt er die viel beachtete Festrede zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes, er galt gar als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.

Es gibt keine gültigen Antworten

Der in Köln lebende Autor schreibt neben Romanen Essays und Reisereportagen — in der Zeit, der FAZ und in der nächsten Spiegel-Ausgabe. Dass er Fan von Neil Young ist, auch das baut Kermani in sein Buch ein, das sich am besten so liest, als nähme man an einem Gespräch teil. Dass so ein Gespräch über die Nacht nicht in klaren Erkenntnissen endet, weiß jeder, der es durchlebt hat. Was immer die Liebe von Verzückung bis Klebstoff alles ist, entscheidend sind die Fragen, Antworten versanden.

Kermanis Roman liefert Nachdenklichkeit und Ernst, er hat aber seine komischen Seiten. Sie treten beim Vorlesen, was Kermani hervorragend macht, deutlicher zutage als beim Lesen. Das bemerkt selbst der Autor, wie er im Gespräch mit Moderatorin Insa Wilke sagt. Natürlich wählt er für Lesungen entsprechende, direkt ansprechende Passagen aus, sie spiegeln nicht den gesamten Roman, sie schaffen Neugier. Aber das ist ja die Triebfeder für alles Schreiben und für vieles Lesen.

Kermani, begrüßt von Kerstin Fischer vom Literaturbüro, steht in einer langen Liste von Heine-Haus-Ehrengästen, erster war 1994 Peter Rühmkorf. Ermöglicht wird die Auszeichnung durch die Sparda-Bank.