Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Die Richert-Villa in Les Issambres, die ihr neuer Betreiber Andreas J. Meyer mit Kunst und Literatur beleben will  und muss. Foto: nh/A/t&w
Die Richert-Villa in Les Issambres, die ihr neuer Betreiber Andreas J. Meyer mit Kunst und Literatur beleben will und muss. Foto: nh/A/t&w

Wie Andreas J. Meyer unverhofft zum Vorsitz einer Stiftung kam

Von Hans-Martin Koch
Gifkendorf. Joachim Richert war Jurist und Junggeselle. Als Jurist leitete er in Ulm die Filiale einer großen Versicherung. Als Junggeselle schrieb er Theaterstücke, zwanzig mögen es geworden sein. Diese bot er dem Merlin Verlag in Gifkendorf an bzw. dessen Abteilung für Dramatik. „Unspielbar!“, lautete das Urteil. „Furchtbar“. „Hanswurstiaden“. Nur Altverleger Andreas J. Meyer hatte eine gewisse Sympathie, fand das alles etwas Dada, schrieb aber dem Autor die fällige Absage. Richert hatte auch andernverlags kein Glück, starb 2005 an einem Gehirnschlag, und darum hat Merlin-Meyer jetzt eine Villa an der Cote dAzur zu versorgen und eine Stiftung dazu.

Joachim Richert hatte keine Erben, aber vorgesorgt. Laut Testament sollte eine Stiftung zur Förderung der Literatur errichtet werden, namentlich zur Verbreitung seiner ungeliebten Stücke. Erster Vorsitzender sollte der von ihm auch vergeblich konsultierte Verleger H.-H. werden. Wenn der nicht wolle, dann eben Merlins Meyer, und wenn der auch nicht wolle, dann ginge das Erbe wiederum an H.-H., dann aber ohne Verpflichtung zum Aufbau der Stiftung. So schildert es Andreas J. Meyer.

Erste Aufgabe: nach den Häusern schauen

H.-H. lehnte sofort ab, wegen der Unbrauchbarkeit der Stücke, er habe die Manuskripte verbrannt. Meyer aber schätzte immer das Ausgefallene, das Abenteuer, die Herausforderung — und so kam er zum Vorsitz der Stiftung. Ein Haus in Ulm und die ominöse Villa an der Cote dAzur bildeten das Stiftungsvermögen. Etwas Geld war auch da. 2008 wurde die Stiftung errichtet, in den Vorstand kamen noch Regina Cieslak und der Jurist Hans-Jürgen P. Groth, ein Mann mit Erfahrung in Sachen Literatur und Stiftung.

Erste Aufgabe: nach den Häusern schauen. Ab nach Ulm! Am Ende eines Sandwegs hinter Schrebergärten stand ein Siedlungshaus: verrostete Tore, geplatzte Leitungen, verwahrlost. „Und schon im nächsten Augenblick donnerte ein Güterzug knapp 20 Meter neben und halb über dem Haus vorüber“, erzählt Meyer.

Auf nach Frankreich — nach Nizza, weiter nach Cannes, nach St. Raphael und in den Zielort Les Issambres, Avenue des Cepe de vignes. Das ist der Küstenort von Roquebrune, und da bringt der Zufall einen Lüneburg-Bezug zutage. Denn dort lebte und arbeitete, wenn er nicht in Paris war, Jean Leppien (1910-1991), der bedeutendste aus Lüneburg stammende Künstler des 20. Jahrhunderts.

Ein Ort für Autoren und für Bildende Künstler

Langer Suche kurzes Ziel: Meyer fand die Richert-Villa nicht. Erst bei einem zweiten Ablauf ein halbes Jahr später. „Das Haus war aufgebrochen und weitgehend ausgeraubt.“ Aber: Die Villa am Hang hat zwei Wohnungen plus Garage und Garten. „Das ist hier das Schaufenster Frankreichs!“ befand ein zur Beratung hinzugezogener Gärtner. Das war alles 2008. Dann kam die Notarin am Ort ins Spiel. Sie bestritt, dass Meyer das Haus geerbt haben könnte. Meyer schildert das alles mit Süffisanz.

Runde acht Jahre und viel, viel Bürokratie später sind wohl alle Rechtsfragen vom Tisch, die Stiftung kann loslegen. Mittlerweile ist das Haus renoviert. Anfang Oktober werden Meyer und Tochter wieder hinfahren.

Villa steht künftig Literaten und Künstlern zur Verfügung

Laut Satzung soll die Villa künftig Literaten und Künstlern zur Verfügung stehen. Die Stiftung soll die deutsch-französische Freundschaft pflegen und — ganz wichtig! — Nachwuchsdramatiker animieren, Stücke unter Berücksichtigung des Nachlasses von Joachim Richert zu schreiben. Spielbare Stücke!

Mittlerweile ist Andreas J. Meyer auf Partnersuche. Der Verleger wird in diesem Jahr 89 Jahre jung, da kümmert man sich um die Zukunft. Kontakt aufgenommen hat er zur Uwe-Lüders-Stiftung, die in Lüneburg Künstler fördert, und zur Sparkassenstiftung. Die Gespräche laufen gut. So einem Anfang könnte manch Zauber innewohnen.