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Heinz Rudolf Kunze hat sich Meisterwerke vorgenommen und einen eigenen Zugang zu ihnen gesucht. Foto: Jim Rakete
Heinz Rudolf Kunze hat sich Meisterwerke vorgenommen und einen eigenen Zugang zu ihnen gesucht. Foto: Jim Rakete

LZ-Interview: Heinz Rudolf Kunze über sein neues Album

Von Hans-Martin Koch

Lüneburg. Heinz Rudolf Kunze kann nicht stillstehen. Der 59-Jährige produziert laufend Ideen, Songs und Texte. In diesem Jahr hat er nun ein zweites Album herausgebracht, so eines, wie es Musiker im Bewusstein eigenen Könnens locker machen können: Sie covern. In der Regel huldigen sie dabei ihren großen Inspiratoren, das geht bei den Textbewussten dann nie ohne Bob Dylan aus. Kunze aber, der sprühende Ironiker, der Mann des flinken Intellekts, macht es natürlich anders. Er hat sich für ein Kaleidoskop deutscher Popularmusik entschieden.

Tournee im Herbst

Jetzt erschien „Meisterwerke: Verbeugungen“ (Sony Music). Das Album startet mit Roy Blacks „Ganz in Weiß“, kommt zu Ideal („Ich steh auf Berlin“), führt über die Puhdys („Wenn ein Mensch lebt“) und Udo Jürgens („Was ich dir sagen will“) bis zu den Einstürzenden Neubauten („Haus der Lüge“). Immer findet Kunze einen eigenen Zugang zu den Titeln, wichtig ist ihm, dass er sie durchweg ernst nimmt. Heinz Rudolf Kunze geht im Herbst und voraussichtlich im Frühjahr 2017 auf Tournee, mit Band und solo als Autor.

Mit der LZ sprach er über seine aktuellen Projekte. 

 

Wie fanden Sie eigentlich 1966 Roy Black?

Heinz Rudolf Kunze: Natürlich ziemlich schrecklich. Ich hatte zwar schon immer eine Schwäche für Bariton-Stimmen, war Fan der Walker Brothers, eine meiner ersten Singles war „The Sun Aint Gonna Shine Anymore“. Roy Black fand ich damals furchtbar. Aber was soll ich machen? Ich habe spontan aufgeschrieben, was zu so einem Album mit einem Querschnitt deutscher Popularmusik passt, da war er dann dabei. Ich weiß auch nicht, was das über mich aussagt. Ich will mit dem Album schon zeigen, welche Spanne von populärer Musik es gibt, eben von Roy Black bis zu den Einstürzenden Neubauten. Bei „Ganz in Weiß“ wollte ich sehen, wie weit das geht, am Ende fühlte ich mich wie Johnny Cash.

Warum können wir eigentlich Schlager, die wir damals eigentlich hassten, alle mitsingen?

Wohl, weil viele der Lieder aus irgendeinem Grund eine Nachhaltigkeit haben. Sie gingen nicht unter, wie es Liedern in der weitaus größeren Schnellebigkeit heute geschieht, wo viel zu viel Musik erscheint, viel zu viel schlechte vor allem. Da verkümmern und verenden auch gute Lieder leicht, sie werden regelrecht aufgefressen.

Und warum können wir viele der Schlager heute sogar geradezu mögen, ist das eine ironische Aneignung?

Ich glaube, dass auf dem Boden der Ironie noch etwas anderes schlummert, da ist immer dieser Wunsch nach Idylle. Damals, als man eben jung war, sah die Welt frischer, weniger verbraucht aus.

Das Meer an Musik ist unenendlich, wie trafen Sie die Auswahl für Ihr Album?

Total spontan. Ich habe mich hingesetzt und drauflos gekritzelt. Wenn man anfängt zu grübeln, gibt es 1000 Optionen. Mir fiel dabei aber ein, dass ich auch was vom Osten dabei haben wollte, so kamen Karat und die Puhdys mit hinein.

Was war dabei aus Ihrer Sicht der riskantestes Song?

„Ganz in Weiß“, auf jeden Fall. Das ist die größte Herausforderung an die Toleranz der Kunze-Hörer.

Inwieweit spielen die Stücke des Albums auf Ihrer kommenden Tournee eine Rolle?

Auf der jetzt bevorstehenden keine, das ist die Tour zum Album „Deutschland“ aus diesem Frühjahr. Für „Meisterwerke: Verbeugungen“ planen wir eine eigene Tour im Frühjahr 2017.

Sie starten jetzt parallel eine Lesetour in kleinere Orte wie Hitzacker und Winsen, was passiert denn da??

In solchen Orten lässt es sich gut lesen, es gibt etablierte Venues, aufmerksames Publikum. Mein neues Buch „Schwebebalken“ nenne ich ja auch „Tagebuchtage“. Da schreibe ich aber nicht, wie es ein Thomas Mann machte, auf, wo ich gerade bin und was ich gegessen habe. Es ist mehr ein Sketch-Buch mit lauter Geschichten des Tages, kleinen Beobachtungen, lauter Anfängen oder Enden. Das ist eine Buchform, die ich mittlerweile auch selbst am liebsten lese.

Sie werden Ende November 60 macht Ihnen die Zahl zu schaffen?

Ja. Sicher. Aber 59 hat mir auch zu schaffen gemacht, und 61 wird es auch tun, so der liebe Gott will. Die Null hat natürlich immer symbolisches Gewicht, da ist bei jedem Geburtstag ab dem Zwanzigsten ein Verlust dabei.

 

Heinz Rudolf Kunze und Band geben im Oktober 20 Konzerte zwischen Rostock und München, das Finale findet am 30. Oktober in Hamburgs Großer Freiheit statt. Im November folgt die Lesetour, sie führt am 24. November in die Winsener Stadthalle, am 25.11. ins Verdo Hitzacker. 

 

Kunzes Playlist
Spontan hat Heinz Rudolf Kunze für die LZ eine Liste seiner zehn Lieblingsalben notiert:
1. „Unrest“ von Henry Cow
2. „Rock Bottom“ von Robert Wyatt
3. „Larks Tongues In Aspic“ von King Crimson
4. „Trout Mask Replica“ von Captain Beefheart
5. „The Basement Tapes“ von Bob Dylan
6. „Zuma“ von Neil Young
7. „Morrison Hotel“ von den Doors
8. „Another Green World“ von Brian Eno
9. „Low“ von David Bowie
10. „Physical Graffiti“ von Led Zeppelin