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Miriam Saage-Maaß fordert verantwortungsbewusstes Handeln von Einzelnen wie von Regierungen und Unternehmen. Foto: t&w
Miriam Saage-Maaß fordert verantwortungsbewusstes Handeln von Einzelnen wie von Regierungen und Unternehmen. Foto: t&w

Miriam Saage-Maaß stellt Dokumentation

Von Isabel von Wilcke
Lüneburg. Im pakistanischen Karachi brennt 2012 eine Textilfabrik. Es fehlen Fluchtwege, die Fenster sind vergittert. 260 Menschen sterben. In Bangladesch stürzt 2013 eine Textilfabrik ein, 1200 Menschen kommen ums Leben. In Usbekistan werden Schulklassen geschlossen, um Kinder zur Arbeit auf Baumwollfelder zu schicken. Es geht um Baumwolle, von Kinderhänden gepflückt, die unter manchmal lebensbedrohlichen Arbeitsbedingungen verarbeitet, von europäischen Unternehmen importiert und dann in Bekleidungsläden — auch in Lüneburg — verkauft wird.

Global Kämpfe für die Menschenrechte

Auf Einladung der Lüneburger amnesty-international-Gruppe und dem Literaturbüro Lüneburg war Miriam Saage-Maaß zu Gast im Heinrich-Heine-Haus. Die stellvertretende Direktorin der Menschenrechtsorganisation European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) erzählt von ihrem Buch „Unternehmen vor Gericht. Globale Kämpfe für Menschenrechte“, das sie dieses Jahr gemeinsam mit ECCHR-Gründer Wolfgang Kaleck veröffentlicht hat.

Saage-Maaß berichtet im Gespräch mit Moderatorin Tina Scheef von ihrer Arbeit für ECCHR. Die Schwerpunkte liegen auf zwei Themenbereichen: Zum einen klassische Völkerstraftaten und rechtliche Verantwortung bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie beispielsweise in Kolumbien, Bahrain und Ägypten. Zum anderen engagiert sich die ECCHR im Feld der Politik und Wirtschaft für Menschenrechte. Finanziert wird die ECCHR durch Stiftungen im In- und Ausland.

In „Unternehmen vor Gericht“ dokumentieren Saage-Maaß und Kaleck die Missstände in der globalen Wirtschaft und rütteln zur transnationalen Verantwortung auf. Man müsse ein Verständnis dafür entwickeln, wie globales Wirtschaften funktioniert. Dabei möchte Saage-Maaß nicht nur die Konzerne anprangern, sondern auch auf die Menschen hinter den Fällen blicken. So verschwanden beispielsweise in Südamerika Gewerkschafter von Mercedes-Benz, beim Bau von Staudämmen wurden 10.000 Menschen obdachlos, in China erschütterte 2010 eine Serie von 14 Selbstmorden den iphone-Hersteller Foxconn, wobei die Arbeitnehmer dem Konzern unerträgliche Arbeitsbedingungen vorwarfen.

Auch Deutschland ist an den Missständen beteiligt

Obwohl sich die genannten Verstöße außerhalb Europas ereignen, seien Europa und auch Deutschland an diesen Missständen beteiligt, stellt Saage-Maaß klar: Die Textilien für deutsche Unternehmen werden unter anderem in Fabriken in Pakistan und Indien produziert. Endverbraucher in Deutschland tragen die dort hergestellte Ware. Zwar sei es vor allem die Verantwortung der Unternehmer, wo und unter welchen Umständen produziert werde, doch auch der Endverbraucher könnte handeln, indem etwa keine „Fast-Fashion“ getragen werde, also Mode, die nicht auf faire Produktion setzt.

Vom Verbraucher gesteuerte Märkte gebe es jedoch nicht. Und es reiche nicht aus, einzelne Missstände aufzudecken und zu bekämpfen. Ausbeutung, Umweltverschmutzung und die Verletzung von Menschenrechten seien systematische Probleme. Solange nicht für jeden, der vor einem Kleidungsstück im Laden steht, transparent sei, ob die menschenrechtlichen Verpflichtungen der Hersteller auch eingehalten würden, solange es keine wirklichen Sanktionen gebe, werde sich kaum etwas ändern.