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One-Man-Band: Simon Wahl zaubert auf der Akustikgitarre. Foto: t&w
One-Man-Band: Simon Wahl zaubert auf der Akustikgitarre. Foto: t&w

Fortbildung im Fingerstyle

Lüneburg. Simon Wahl ist dauernd als Musiker zwischen Wien und Hamburg auf Achse, er reist mit der Eisenbahn und daher mit kleinem Gepäck. In seinem handlichen Instrumentenkoffer befinden sich: eine Akustikgitarre, ein Bass und ein Schlagzeug. Im Kulturforum Gut Wienebüttel stellte sich der junge Gitarrist als One-Man-Band vor, als Virtuose und nicht zuletzt als Entertainer. Konzerte mit Sologitarristen verlaufen häufig nach einem etwas eigentümlichen und besonders reizvollen Muster: Sie haben immer auch Workshop-Charakter.

Solo-Konzert mit Workshop-Charakter

Ob Malte Vief und Markus Segschneider im Wasserturm, David Qualey, Uli Bögershausen und jetzt eben auch Simon Wahl im Kulturforum: Die Musiker gehen wohl mit einigem Recht davon aus, dass im Publikum Gitarristen sitzen, die ein bisschen was lernen oder sich zumindest neue Motivation holen wollen; viele Gitarristen verkaufen in der Pause neben ihren CDs auch eigene Noten- und Tabulaturen-Bücher. Im Mittelpunkt steht die Fingerstyle-Technik. Sie entstand ursprünglich bei dem Versuch, Klavierstücke auf die Gitarre zu übertragen also die Melodien und Akkorde, die der Pianist mit rechter und linker Hand unabhängig voneinander spielt, nun mit einer einzigen Zupfhand zu realisieren, was oft auch das Weglassen von eher offensichtlichen, also entbehrlichen Noten erfordert.

Das ist im Grunde nichts Neues, schon Andrés Segovia (1893-1987) hat unermüdlich daran gearbeitet, die polyphonischen Meisterwerke Johann Sebastian Bachs auf Klassikgitarre zu übertragen. Doch mittlerweile gibt es eine Generation von Gitarristen, die auch gleich noch Schlagzeug-Parts mit einflechten, den Gitarrencorpus für Percussions einsetzen und sich tausend Dinge einfallen lassen, um das Klangspektrum ihres Instruments Richtung Drumset von der Bassdrum bis zum Hi-Hat zu erweitern.

Strapaze für die Korpus-Decke

Simon Wahl, 1989 in Bonn geboren, studierte zunächst ganz streng Klassik-Gitarre. Heute zählt er zu den jüngsten Vertretern dieser One-Man-Bands, und steht damit in der Tradition des australischen Zauberers Tommy Emmanuel, dessen Instrumente oft in einem dekorativ-verschrammelten Zustand sind. Wahl erzählt, wie er selbst die Decke einer 15000 Euro-Gitarre seines Lehrers bei so einer Klopftechnik ruinierte, und welche Stellen der Gitarre welchen Klang hergeben. „Sie können das ja mal zu Hause selbst ausprobieren aber Vorsicht!“ Nicht zuletzt lassen sich durch unterschiedliche Saitenstimmungen neue Möglichkeiten erschließen.

Welcher Geiger, welcher Pianist käme auf die Idee, bei seinem Konzert etwa über Handstellungen und Fingertechniken zu plaudern? Bei all diesen Zaubertricks aber zeigt sich Simon Wahl als einfühlsamer Musiker, einfallsreicher Komponist und versierter Arrangeur. Es gibt Balladen, in denen Simon Wahl etwa den träge fließenden Rhein beschreibt („In Wien nenne ich das Stück `Donau`!“), Django Reinhardts berühmten „Minor Swing“, ein kleines Beatles-Potpourri (was in der Branche offensichtlich zum Pflichtprogramm zählt), gepflegte Rockmusik, eine kammermusikalische Fassung von Andy Timmons E-Gitarren-Stück „Electric Gypsy“ und sogar ein Hip-Hop-Eminem-Medley (das bei Youtube die meisten Klicks hat). Simon Wahl erzählt, wie er schon mal aus reiner Spielfreude nach dem Konzert den Zug verpasste. Diesmal fährt er erst am frühen Morgen danach, da war im Kulturforum noch Zeit für ein paar Zugaben.

Von Frank Füllgrabe