Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Boglarka Pecze, Daniel Lorenzo und Eva Boesch führten mit klassischen Musikinstrumenten in die Klangwelt der Moderne. Foto: t&w
Boglarka Pecze, Daniel Lorenzo und Eva Boesch führten mit klassischen Musikinstrumenten in die Klangwelt der Moderne. Foto: t&w

Auftakt des Festivals Neue Musik im Glockenhaus

Von Heinz-Jürgen Rickert

Lüneburg. Stillstand, Rückwärtsgewandtheit gar, bereitet der Kultur den Exitus. Das Bewährte mag als Mainstream stets Konjunktur haben, Engagement für zeitgenössische Texte, Themen oder Töne gehört aber zweifellos zum öffentlichen Auftrag demokratischer Staaten. Die Gegenwartskunst als Seismograph gesellschaftlicher Entwicklungen ist ein wichtiges Instrument kritischer Reflexion sie gehört unbedingt gepflegt und gefördert.

Insofern weist sich auch ein Festival mit Neuer Musik keineswegs als luxuriöses Feigenblatt aus, sondern demonstriert vitale Selbstverständlichkeit. In Lüneburg findet aktuell die beachtliche 42. Ausgabe dieser Veranstaltungsreihe im Glockenhaus statt, mit trendigen Klang-Settern: nächtens Elektroakustisches aus der Konserve, produziert von Warschau bis New York, im Abendkonzert eine weite Palette zwischen Frühwerken der Moderne und Uraufführung.

Helmut W. Erdmann blieb von Anbeginn bis heute der entscheidende Impulsgeber und nimmermüde Motor, europäisch vernetzt. Sparsam, trotzdem beständig, unterstützt die Stadt die vielfältigen Aktivitäten des Fortbildungszentrums und wird es auch künftig, wie Friedrich von Mansberg vom Lüneburger Kultur-Ausschuss in seinem Grußwort konstatierte.

Von Frühwerken der Moderne bis zu Uraufführungen

Mit dem international hervorragend beleumundeten Trio Catch aus Hamburg setzte das Eröffnungsprogramm ein deutliches Qualitätsfanal. Boglarka Pecze (Klarinette), Eva Boesch (Cello) und Daniel Lorenzo (Klavier) bestachen durch fein austarierten Vortrag, der die drei Kompositionen exzellent aushorchte.

„Stimmungsbilder“ betitelte Rainer Hecht (Jahrgang 1942) seine plastische Arbeit, die erstmals erklang, ein würdiger Festival-Auftakt. Fünf konzentrierte Miniaturen mit so eindringlichen Überschriften wie Irrgarten oder Schlaflos in Seattle, die das ganze Emotionsbarometer von Elegie bis Euphorie, Pianoflüstern und Fortissimo, abschreiten, dominiert vom meist expressiven Charakter der Klarinette. Das Stück greift manchmal auf traditionelle Formen zurück und findet dennoch eine sehr eigene, markante Sprache von hoher Visualität.

Während seines Pariser Aufenthalts schrieb Helmut W. Erdmann 1980 das Trio X „Nuancen“ in neun Sätzen. Auch hier wird ein breites Ausdrucksfeld geradezu virtuos und mit musikalischer Finesse abgesteckt, das seine Pole als Adagio und Presto auslegt. Catch erwies sich erneut als Energie geladenes Ausführungsensemble, technisch bestens versiert und auf jede noch so komplexe Herausforderung makellos vorbereitet. Mit dem Allegro sostenuto (1989) von Helmut Lachenmann kam ein weiteres wichtiges Beispiel der Avantgarde zur Geltung. Der explosiv anmutende Dissonanzen-Parcours bietet heftige Bewegungen, Schall-Effekte, Kantilenen-Andeutungen und scharfe Kontraste von fiebernder Spannung zu kurzen Ruhephasen, großartig von Catch ausformuliert. Langer Beifall war die Reaktion der rund 50 Zuhörer.

Klangreibungen aus internationalen Tonstudios

In der ersten Nachtmusik präsentierte Neu-Lüneburger Gerhard Wolfstieg vier Exempel seines elektroakustischen Schaffens, darunter das Perpetuum mobile „Collage“ von 2001: anregende Klangreibungen aus dem Tonstudio. Bis zum kommenden Sonnabend gibt es jeweils um 19.00 Uhr im Glockenhaus Abendveranstaltungen mit unterschiedlichen Besetzungen, um 21 Uhr außerdem ein Nocturno mit Novitäten europäischer und amerikanischer Werkstätten.