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Zwei Statuen inszeniert in der Gedenkstätte Sachsenhausen
"Die Betende" und "Der Gebeugte", von Fotograf Jürgen Erbach inszeniert im Zellentrakt der Gedenkstätte Sachsenhausen. Foto(Repro:) ff

Schauplätze des Holocaust: Foto-Ausstellung in der Nicolaikirche

Lüneburg. Was Ärzte mit den Gefangenen in den Konzentrationslagern anstellten, übertrifft manchmal das menschliche Vorstellungsvermögen. Professor Dr. Jürgen Erbach stieß per Zufall in Hamburg-Rothenburgsort auf eine Gedenkfeier für zwanzig jüdische Kinder, im Jahre 1944 Opfer grausiger medizinischer Experimente. Als die britischen Truppen vorrückten, wurden die Kinder von den Nazis ermordet und beseitigt, um die Folter zu verheimlichen. An die Kinder erinnert heute eine Gedenkstätte am Bullenhuser Damm, nun ist sie das Motiv einer Serie von Fotografien, die in der St. Nicolaikirche zu sehen ist.

Jürgen Erbach, Dozent an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Holzminden, besitzt zwei kleine Bronzefiguren des Bildhauers Heinrich Jahnke: „Die Betende“ und „Der Gebeugte“. Ganz spontan, so Erbach, sei er auf die Idee gekommen, mit den beiden Skulpturen vor Gedenkstätten Konzentrationslagern und anderen Nazi-Unorten Aufnahmen zu machen. So entstand — bei einer Reise quer durch die Republik — eine Serie von 24 großformatigen Fotografien von 24 Orten, eine Wanderausstellung mit dem Titel „Untaten an Unorten = Unart“. Sie steht unter der Schirmherrschaft von Bundestags-Vizepräsident Peter Hintze.

Konfrontation mit den Schauplätzen unheimlich

Der Fotograf wollte allein die Figuren und die Schauplätze wirken lassen, sie sind menschenleer. Die Aufnahmen wurden nicht nachträglich bearbeitet, sie sind aber auf Metall gedruckt, was ihnen eine zusätzliche schimmernde Kälte verleiht. Kellergewöbe und Gefängnistrakte, Türen zu Gaskammern (mit der Aufschrift „Brausebad“), Fleischerhaken, Aufmarschhöfe, schmiedeeiserne Tore und Galgen, als schlichte Pfosten mit einer Stange kaum als solche zu erkennen — gerade durch ihre prosaische Kargheit wirken die Orte der Qual und des kühl organisierten Massenmordes so bizarr. Die beiden Figürchen symbolisieren die Schicksale, die ertragene Last, sie stehen für den Fotografen, das hängt auch von ihrer Positionierung ab, für die Anerkennung der Schuld und für die Bitte um Vergebung. Für die Bildwirkung an sich wären sie dagegen wohl verzichtbar. Die Konfrontation mit den Schauplätzen des Mordes war für den Fotografen, wie er bei der Vernissage schilderte, zeitweise unheimlich — er lebt mit einem Mann zusammen, wäre seinerzeit ebenfalls ein Opfer gewesen.

Die Ausstellung ist bis 13. November zu sehen. Für den 27. Oktober, 14 bis 16 Uhr, ist ein Fotoworkshop in der Euthanasie-Gedenkstätte am Wienebütteler Weg geplant, mit der Historikerin Dr. Carola Rudnick und den beiden Skulpturen. Anmeldung bis 25. Oktober bei Pastor Eckhard Oldenburg (Tel.: 04131-2430771 oder pastor@st-nicolai.eu). Ebenfalls am 27. Oktober beginnt um 19.30 Uhr ein Gesprächsabend mit Jürgen Erbach.

Von Frank Füllgrabe