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Oliver, gespielt und gesungen von Laurenz Voss, hat es nie leicht, nicht im Waisenhaus, nicht in der Kinderbande. Foto: theater/tonwert21
Oliver, gespielt und gesungen von Laurenz Voss, hat es nie leicht, nicht im Waisenhaus, nicht in der Kinderbande. Foto: theater/tonwert21

Musical „Oliver“: Gefühl und Härte

Lüneburg. London, vor gut 150 Jahren: Ein Junge aus dem Waisenhaus hat zu viel Hunger, wird an einen Sargbauer verkauft, fliegt dort raus, strandet in einer Kinderbande, die klauen geht, wird verhaftet, aber nach Mord und Totschuss als verlorenes Mitglied der bürgerlichen Welt gerettet. Das klingt gefährlich nach Sozialkitsch. Das ist es auch, wenn bei dieser Geschichte aus dem Fundus von Charles Dickens nicht mächtig aufgepasst wird. Aber als Aufpasser in solchen Fällen ist Friedrich von Mansberg der richtige Mann. Er hat das als Personen- und Szenenmonstrum gebaute Musical namens „Oliver!“ weitestgehend gebändigt und mit einer Riesentruppe aus Kindern, Jugendlichen und Profis im T.3 in Szene gesetzt. Das ist ein Erfolg!
Um all dem, was kommt, Raum zu geben, hat Barbara Bloch (Bühne und Kostüme) ein Baugerippe mit verschiebbaren Wänden entworfen. Hinter einer solchen Wand sitzt die knackige Band, und Alexander Eissele dirigiert sie noch dann, wenn er zugleich Klarinette spielt. Die Akteure sehen den Tonangeber über Monitore. „Oliver!“, geschrieben von Lionel Bart (1930-1999), ist musikalisch frei von dem typischen Musical-Pop, dessen Songs sich mit immer mehr Pomp und Pathos aufpumpen. Die Melodien sind trotzdem eingängig, und es wird mit Herz und Kehle wunderbar gesungen, daran haben auch die Co-Coacher Phillip Barczewski und Anna Schwemmer Verdienst.

Sprache darf derb sein, Gewalt schmerzhaft

Vor allem aber ist es Friedrich von Mansberg, der Dompteur dieser Theater-Koproduktion mit der Musikschule. Mansberg hat das Stück kräftig zusammengestrichen, die Handlung gerafft, die innere Logik bewahrt, Gefühl und Härte austariert. Er nimmt dem Kitsch und den Klischees, die das Original kräftig brät, viel Süße, schärft die Geschichte und Typen an. Sprache darf derb sein, Brutalität schmerzhaft. Weder im Waisenhaus noch in der Diebesbande gewinnt soziales Kuscheln die Oberhand, immer lauern Konkurrenz, Neid und Abgrenzung als Selbstschutz im Geschehen. Gut tut es dem Stück, dass vor allem die Profis wie Olga Prokot (als Waisenhaus-Tyrannin Miss Corney) ihre Figuren als Karikaturen ironisch aufbrechen auch mit Hilfe der Choreographie, an der Heidrun Kugel mitgestrickt hat. Das Finale schließlich gerät nicht zu süßlich, da nämlich wird der Gutbürger Mr. Brownlow nicht nur zum Retter, sondern auch zum Täter. Licht aus!

Dieses Musical kann nur als kolossale Gemeinschaftsarbeit bestehen. Einige aber ragen heraus. Zu ihnen muss Oliver gehören, denn er prägt die Geschichte. Das gelingt bei der Premiere Laurenz Voss wunderbar, alternierend wird es Paul Roeßler sein. Laurenz Voss jedenfalls spielt und singt locker nach vorn den Oliver als aufgeweckten, bei aller Angst um sein Leben mutigen und auch mal frechen Jungen; der ist einfach nicht geeignet fürs Verbrechen.

Die schwerste Partie ist aber die der Nancy. Sie ist unweigerlich der Abziehbild-Prototyp des gefallenen Mädchens mit dem guten Herzen, und sie muss natürlich! am Ende dran glauben. Anna Sophie von Mansberg packt es an und zeigt deutlich den inneren Kampf Nancys zwischen der Abhängigkeits-Liebe zum Schurken Bill Sikes und dem immer stärker werdenden Willen, wenigstens Oliver aus der totalen Misere zu helfen.

Den Bill Sikes spielt Timm Marvin Schattling (alternierend Jonathan Mummert) lauernd als giftige Natter, ebenso schön verschlagen kommt der Hehler und Kinderbandenlenker in der Darstellung von Sascha Littig rüber. So wären noch viele zu nennen, die alle ein Stück eigenes Profil gewinnen, und die nach inklusive der Zugaben zwei Stunden vom (Groß-)Eltern/Tanten/Onkel/Freunde-Publikum gehörig und zu Recht bejubelt werden.
„Oliver!“ steht bis 21. Dezember auf dem Plan, etliche Vorstellungen sind wie die Premiere ausverkauft.

Von Hans-Martin Koch

Ein großes Team

Sie sind außer den Genannten dabei: Timm Moritz Marquardt, alternierend Anton Frederik von Mansberg als Artful Dodger; Juna Robin Zakowitz, alternierend Nike Just als Bet; Steffen Neutze und Kirsten Patt als Mr./Mrs. Sowerbury und Brownlow; Lena Olmützer als Charlotte, Arndt Möller als Noah, Leonie Meyer als Charley. Außerdem die „Diebsstrolche“ Gunt Temuujin, Janosch Kratz, Jonathan Völzke und Arne Wachtel sowie als „Girls“ Fenja Gerken, Jona Hoek, Anneke Kramer, Julia Ludewigs, Anna Roeßler und Miriam Wantikow. Die Band: Moritz Constantin (Drums, Percussion), Sebastian Brand (Bass), Timo Wege (Keyboard), Jeremy Stoppel (Violoncello), Hanna Brune (Flöte), Matthis Wroblewski (Posaune), Janina Jürs und Franka Deister (Klarinette) sowie Stina Knobloch (Horn).