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Eine kleine Hobbit-Show

krn Lüneburg. Niemand vermag ihr Gesicht zu beschreiben, aber ihre Stimme erkennt man unter vielen. Sie sind es, die Berühmtheiten in den deutschen Übersetzungen Leben einhauchen. Sie lassen sie flüstern, kreischen, atemlos keuchen, weinen und lachen. Synchronsprecher bleiben im Dunkeln und müssen sich doch vollkommen in den Film hineinfühlen.

Eine Stimme von ihnen ist so markant wie keine zweite. Denis Scheck nennt sie „The Voice“ und meint den krächzenden, furchteinflößenden Klang Gollums aus dem „Herrn der Ringe“. Andreas Fröhlich, dem diese Rolle den Spitznamen „FF“ (Fantasy Fröhlich) eingebrachte, hat sie erfunden. Aus der Not heraus, weil die Besetzung des Gollum schlicht vergessen wurde, übte er sich im gruseligen Lautspiel und trieb damit seine Frau fast zur Verzweiflung. Wer möchte allabendlich mit „Meeeeein Schatzzzz“ in den Schlaf oder vielmehr um den Schlaf gebracht zu werden? Es dauerte eine Weile, bis er die richtige Technik hatte und „seinen inneren Gollum fand“.

Eine Kostprobe seines unnachahmlichen Talents gab Fröhlich in der Ritterakademie, als er jetzt aus dem zurzeit als Kinoverfilmung präsenten Buch „Der Hobbit“ las. Bevor er das Publikum jedoch damit begeisterte, stand sein Werdegang im Mittelpunkt sowie die Arbeit als Synchronsprecher, Dialogautor und Synchronregisseur, für die es allesamt keine Ausbildung gibt.

Alles begann bei Fröhlich mit sieben Jahren bei einem Singversuch im Kinderchor, der kläglich scheiterte, ihn aber seinem ersten Hörspielprojekt näherbrachte. Was er bei seiner damaligen Zusage noch nicht wusste  es handelte sich um ein Aufklärungshörspiel, das ihn als Kind vollkommen verstörte. Viel besser wurde es erst einmal nicht. In dem Horrorfilm „Das Omen“ wurde er zwar für die Hauptrolle ausgewählt, musste aber als Sohn des Satans hauptsächlich schrille Schreie von sich geben und durfte den Film aus Jugendschutzgründen nicht einmal sehen. Doch dann ging es bergauf. Es folgten Sprechrollen für die Kinderserie „Kimba, der weiße Löwe“ und das beliebte Hörspiel „Die drei ???“, wo er den Bob Andrews sprach. Erste Erfahrung als Synchronregisseur sammelte er dann bei der Serie „Full House“ und bekam schließlich das Angebot, diese Aufgabe auch für den „Herr der Ringe“ zu übernehmen.

Der Grund war wenig schmeichelhaft: Der eigentlich dafür vorgesehene Regisseur hatte schon für „Harry Potter“ zugesagt. Doch die Verantwortlichen sollten ihre Entscheidung nicht bereuen. 2003 wurde Fröhlich in der Kategorie „Herausragendes Synchrondrehbuch“ mit dem Deutschen Preis für Synchron ausgezeichnet. Die Arbeit für ein Dialogbuch erfordert vor allem eines, erklärt er: zügiges Arbeiten. Nur zehn Tage hat ein Autor Zeit, einen solchen Drei-Stunden-Film zu übersetzen.

Und dann, endlich, schlägt Fröhlich das Buch auf. Er liest die Situation, in der Bilbo das erste Mal auf Gollum trifft, und sie sich im gegenseitigen Rätselerraten messen. Die Zuhörer kichern, als sie die ihnen so bekannte Stimme vernehmen. Es ist, als würden sich die Lüneburger Räumlichkeiten für einen kurzen Moment in das fantastische Szenario aus dem Buch verwandeln. Auch Fröhlich verwandelt sich akustisch wie ein Chamäleon.

Der Literaturkritiker Denis Scheck ist dabei ebenso bekennender Fantasy-Fan wie das Publikum und gehört damit zu einer Minderheit seiner Profession. Denn seit jeher wird dieses Genre abgewertet und aus dem Literatur-Kanon ausgegrenzt. Beklagenswert findet Scheck das: „Wer keinen Fisch mag, würde es in der Gastronomiekritik nicht weit bringen. Für die Literaturkritik lässt sich Vergleichbares nicht sagen.“