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Ich bin im Auftrieb

oc Lüneburg. Er kommt mit schnellen Schritten, ein Stirnband bändigt die Haare, ein Rucksack federt auf dem Rücken, der Bart hat die Dreitagemarke überschritten. Ulrich Kratz hat nicht viel Zeit. Nicht, dass er zu den Proben muss, er, der seit gut 20 Jahren eine prägende Kraft am Lüneburger Theater ist. Der Bariton muss zur Wassergymnastik, gerade kommt er aus den Räumen, in denen es um Kraft, Ausdauer, Mobilität geht. Aber es geht ihm gut, endlich besser. „Ich finde meine Energie wieder“, sagt Kratz und greift zum Latte Macchiato im Café des SaLü, wo die Luft nach Chlor riecht und der Blick ins Spaßbad fällt. Ulrich Kratz kann wieder lachen, das war ihm in den vergangenen Monaten nachhaltig vergangen. Schmerzen, Krankenhaus, Unfall statt Doktor Falke in der „Fledermaus“ oder Sharpless an diesem Sonnabend in „Madame Butterfly“.
Zuletzt auf der Bühne stand Kratz am 15. Dezember. Da sang er die Titelpartie in „Eugen Onegin“  „mit unglaublichen Schmerzen“. Seine Geschichte der Leiden begann schon im Sommer zuvor: Bandscheibenvorfall. Mit Schmerzmitteln und einem Beckengurt ging es weiter  „ich konnte alles spielen, was zu spielen war, war aber hinterher immer erschöpft.“
Dann kam der 8. Dezember. Kratz fuhr im Auto mit zwei seiner drei Kinder am Lambertiplatz, als ein ausparkender Wagen sie rammte. „Der hat uns regelrecht abgeschossen“, erinnert sich Kratz. An viel mehr nicht. Krankenhaus, die Kinder konnten nach zwei Tagen raus, und Vater Kratz dachte: „Weitermachen, ich schaff das!“ Er habe immer geglaubt, wenn es Probleme gibt, müsse er eben härter arbeiten. Aber nach dem 15. Dezember ging nichts mehr  um es kurz zu machen: Eine Reihe von Komplikationen fällte den Mann, der nun 35 Kilo weniger wiegt. Kratz kann den Weg ins Krankenhaus und zu seinen Ärzten wahrscheinlich blind gehen.
Jetzt, im SaLü-Café kurz vor der Wassergymnastik, spürt er: „Ich bin im Auftrieb.“ Die Kraft komme zurück. „Ich finde die Energie wieder, um die Stimme im Körper zu verankern“, sagt Kratz. Sukzessive gehe er an seine Aufgaben heran, an das Singen, auch an das Unterrichten. Seinen Part bei „Madame Butterfly“ hat nun Geani Brad übernommen, auch heute, Sonnabend, um 20 Uhr bei der Premiere.
Ende April, hofft Kratz, werde er fit sein und als Konsul Sharpless in die Puccini-Oper einsteigen. Und dann steht ja im Juni noch eine Premiere an: Lortzings komische Oper „Zar und Zimmermann“, wie geschaffen für einen Bariton.