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Geheimnisse der Goldenen Tafel

Lüneburg. Von einem Tisch in der Mittelalterabteilung des Landesmuseums in Hannover nimmt die Restauratorin Bernadett Freysoldt vorsichtig die Holzskulptur des Heiligen Petrus in die Hand, um sie Besuchern aus Lüneburg zu zeigen. Mitglieder der „Michaelisakademie“ haben sich auf den Weg in das Landesmuseum gemacht, um sich in der seit November vergangenen Jahres eingerichteten Werkstatt über die Restaurierungsarbeiten des einstmals bedeutendsten Kunstwerkes ihrer Kirche zu informieren: die Goldene Tafel.

Das 2,16 x 1,08 Meter große Goldblech, das Christus als Weltenrichter umgeben von den zwölf Aposteln zeigt, gilt als Geschenk Heinrich des Löwen im 12. Jahrhundert für das Kloster auf dem Kalkberg. Nach Zerstörung der Burg und des Klosters im Lüneburger Erbfolgekrieg 1371 wurde die Goldene Tafel zum zentralen Teil eines Altarwerkes der in der Stadt neu erbauten Kloster- und Kirchenanlage.

1698 wird der Altar Ziel des größten Kirchenraubes Europas und sein Räuber Nickel List eine Gestalt der Kultur- und Sozialgeschichte. Der seines Mittelteiles beraubte vierflüglige Wandelaltar gerät in den geistigen Umbrüchen der Aufklärungszeit zum „unnützen Kirchengerät“ und wird verkauft. So findet er seinen Platz im Hannoverschen Provinzialmuseum und ist heute ein „Star“ der Mittelalterabteilung.

Nun haben Klosterkammer und Volkswagenstiftung, wie berichtet, 500 000 Euro zur Verfügung gestellt, damit über einen Zeitraum von vier Jahren dieses bedeutende europäische Kunstwerk erforscht und restauriert werden kann. Inmitten des Arbeitsplatzes der Wissenschaftler werden regelmäßig kleine Besuchergruppen in die einzelnen Vorgänge eingeführt. Auch eine Dokumentation per Internet lässt die Öffentlichkeit daran teilnehmen, zu finden unter www. landesmuseum-hannover.niedersachsen.de.

Es gäbe keine sicheren Hinweise über die Entstehungszeit und den Künstler der Goldenen Tafel, sagt die Kunsthistorikerin Dr. Antje-Fee Köllermann. Die Fertigstellung könnte 1390 mit der Weihe des Chorraumes verbunden gewesen sein, aber genauso 1418 mit der gesamten Fertigstellung des Kirchenraumes, nachdem 1379 die Unterkirche geweiht und 1388 das auf der Nordseite erbaute Kloster von den Mönchen bezogen werden konnte.

Spannender sei die Frage, welcher Künstler mit seiner Werkstatt die Gesamtverantwortung für das inhaltlich theologische Programm und die Koordination der Arbeitsschritte wahrgenommen habe. Petrus und alle anderen Skulpturen haben bis auf eine Ausnahme eine Größe: 59 Zentimeter. Das zuerst anzufertigende Rahmenwerk ist auf die Größe der Heiligen- und Apostelfiguren abgestimmt. Das sie begleitende Maßwerk, das mit Metallteilen unterlegt war, musste auf den Millimeter vorgefertigt sein.

Handwerker verschiedener Gewerke hatten zusammenzuarbeiten. Sollte der Maler mit seinen Mitarbeitern seine Kunst im flandrischen Hofstil gelernt und vervollkommnet haben, so dürfte die technische Gestaltung des Rahmenwerkes heimischer Handwerkskunst entspringen. Eine Spurensuche beginnt, aus deren Mosaiksteinen sich ein Gesamtbild ergeben könnte.

Restauratorin Freysoldt zeigt die Unterseite der Petrusfigur. Löcher sind dort zu sehen. Je nach dem Fortgang der Arbeiten ist die Figur auf einen anderen Dorn gesetzt worden, um so die Halbplastik entstehen zu lassen. Zum Bemalen wurde die Figur zwischen Kopf und Unterplatte mit einem Dorn fixiert. So konnte der Maler in Ruhe das Werk vollenden.

Der Erhaltungszustand der Goldenen Tafel sei hervorragend, sagen die beiden Wissenschaftlerinnen. Der museale Aufbewahrungsort hat sicher dazu beigetragen. Für die Lüneburger Michaeliskirche ist das Werk verloren. Das jetzige Altarbild und sein neugotisches Rahmenwerk ruhen aber auf der Altarplatte, die einmal die „Goldene Tafel“ getragen hat. Es ist „Gotländer Marmor“, wie die Fachleute sagen.

Pastor i. R. Wolfgang Koch