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Manchmal will man einfach weg

oc Lüneburg. Von Gleis 2 um 9.47 Uhr fährt der Zug nach Leipzig. Den will Roman nehmen, denn er will weg, und er hat einen Traum, der ihn aus allem Frust und Elend katapultieren soll. Der Junge, den Mitschüler als Container-Roman mobben, will zu den Thomanern, Mitglied werden in dem berühmten Chor. Gut, dass eine Kuh auf dem Gleis steht und der ICE Verspätung hat. Denn Roman hat ja gar kein Ticket, und nun findet er am Bahnsteig eine Frau, die ihm zuhört, die ihn versteht. „Draußen bleiben“ nennt Michael Müller sein neues Stück für Menschen ab acht Jahren, das ernst ist und witzig und am Freitag, 5. April, seine Uraufführung im Theater Lüneburg feierte.
„Draußen bleiben“ ist ein Stück darüber, wie sich das Leben anfühlt, wenn es zu Hause kein Geld und viel Stress gibt. Wenn der Vater weg ist und die Mutter einen neuen Kerl hat. Wenn auf die kleine Schwester aufgepasst werden muss, sich Mutter mit Unterschichtsfernsehen zudröhnt und nichts zu essen im Haus ist. Wenn Mitschüler einen missachten, man die falschen Klamotten tragen muss und überhaupt… Michael Müllers Stück ist aber kein deprimierendes Sozialdrama, er zeigt vielmehr alles zugleich, die Angst und den Mut, die Tristesse und die Phantasie, die Härte und die Hoffnung. Die Texte sind ganz nah der Realität abgelauscht.
Spielort ist der Bahnsteig, den Erwin Bode mit einigen deutlichen Zeichen ins T.3 stellt: die Uhr, der Wagenstandanzeiger, die Sitzbänke. Dort hockt Roman mit seinem Tornister und zwei Plastiktüten. Dort sitzt aber auch Sarah, eine Zugbegleiterin. Ihr fällt der Junge auf, sie zieht ihn ins Gespräch und erzählt auch von sich und ihren geplatzten Lebensträumen. Immer wieder blenden Autor Müller und Regisseurin Sabine Bahnsen Szenen aus dem Alltag Romans ein. In ihnen wird die prekäre Lage des Jungen deutlich, der einfach zu viel schultern muss und nur im Singen Entlastung findet. Deshalb will er immer nur singen, singen, singen.
Sabine Bahnsen bringt die Geschichte mit drei Akteuren ansprechend und spannend in Fluss und vor allem so, dass der sozialkritische Ansatz sicht- und spürbar wird, aber nie moralisch daherkommt. Sebastian Brummer spielt den hellwachen Roman schlaksig und schlagfertig, aber auch wütend, und hinter alledem tritt eine tiefe Traurigkeit hervor. Olga Prokot ist als Zugbegleiterin zu sehen, die sich sehr geschickt, weil zurückhaltend dem Jungen nähert. Das ist einfühlsam gespielt, auch in dem Rückblick auf das Scheitern einer eigenen Flucht  nach Paris mit dem Straßenmusiker! Großartig ist, wie Beate Weidenhammer als Dritte im Bunde gleich eine ganze Reihe von Rollen wahrnimmt. Sehr genau trifft sie den Ton der Mutter, die zwischen Selbstaufgabe und Kampf, Vernachlässigung und Sorge schwankt und alles andere als zuverlässig ist. Eine schöne Karikatur gelingt mit der Darstellung der Musikpädagogin, die als Scout der Thomaner Roman zum Vorsingen lädt.
Eine Stunde dauert das Stück, es steht  leider  nur vormittags im Spielplan.