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Kontrast und Anpassung

oc Lüneburg. Nein, über Lüneburg werde er an diesem Abend nicht reden. Dabei findet sich das neue Museum Lüneburg an der Spitze der Liste, die der Architekt Prof. Jörg Springer als „Wichtige Projekte“ aufzählt. Doch Springer will in der Leuphana bei seinem Gastvortrag zu den „Positionen zur Architektur der Gegenwart“ lieber grundsätzlich werden. Er spricht über die Philosophie seiner Art des Entwerfens, das er Nachdenken über Architektur nennt, und über die Frage, wie sich das Alte und das Neue miteinander verhalten und sich verbinden lassen sollten.
Jörg Springer, 1964 in Stuttgart geboren, betreibt seit 1995 ein Büro in Berlin, seit 2009 mit Georg Heidenreich. Einen Namen gemacht hat sich Springer vor allem mit seiner behutsamen Art des Umgang mit dem, was er vorfindet, mit bestehender Bausubstanz und mit dem Umfeld, der Ideengeschichte des jeweiligen Projekts. Zu Springers wichtigsten Arbeiten zählen neben Neubauten Aufgaben, in denen er Gebäuden ihren ursprünglichen Charakter zurückgibt oder sie so für eine neue, zeitgemäße Nutzung aufbereitet, dass der Kern des Originals gewahrt, erkennbar bleibt. Zu den bekannten Beispielen zählt das Luther-Geburtshaus in Eisleben.
Kein Wunder, dass Springer zu Beginn seines Vortrags eine Spitze gegen die Art spektakulärer Bauten loslässt, denen er ein geradezu verzweifeltes Ringen um mediale Aufmerksamkeit unterstellt. Springer arbeitet anders. Er stellt in Frage, ob das Neue als Kontrast zur Umgebung, zum Bestehenden daherkommen, ob es sich grundlegend unterscheiden müsse. Die Dauerhaftigkeit, die Architektur innewohnt, verpflichte dazu, das Neue als Teil eines Kontinuums zu verstehen.
Alles, was er zum Beispiel bei der Sanierung des Theaters Stralsund neu machte, sollte zwar erkennbar sein, aber nicht hervorgehoben. Springers Um- und Neubauten „trumpfen nicht auf, sie wollen nicht besser sein“. Auch wenn ihm ein neu zu definierendes Gebäude nicht sympathisch erscheine, sollten seine alte Substanz und Gestalt lesbar bleiben, meint er mit Bezug auf eine alte Offiziersvilla, in der sich heute die Bundesstiftung Baukultur in Potsdam befindet. Springer spricht in diesem Zusammenhang auch von der „selbstverständlichen Anverwandlung des Originals“. Er könnte auch das Adjektiv „selbstbewusst“ verwenden, denn bei aller Zurückhaltung behaupten sich Springers Arbeiten in ihrer stillen Eleganz. Das findet weitreichend Anerkennung: In seiner Vita ist die Liste der Preise länger als die der wichtigen Projekte.
Sein zurzeit entstehender Lüneburg-Beitrag kam in der kurzen Diskussion denn doch noch vor. Aber auch auf Vorwürfe, das neue Museum wirke zur Willy-Brandt-Straße hin wie ein Bunker, ein Kasten, blieb Springer zurückhaltend. Er verwies nur darauf, dass sich zurzeit allein schon durch die Gerüste nicht zeige, wie sich das Museum mitsamt seinem neuen Eingangsbereich präsentieren werde. Die Wahl der roten Verklinkerung sei aber bewusst mit Bezug zur Stadtarchitektur gewählt. Es sei zuvor auch die Idee einer schwarzen Verklinkerung erwogen worden.
Die von Carl-Peter von Mansberg revitalisierte Vortragsreihe begleitet die Ausstellung „Neues Bauen in Lüneburg“, die noch bis zum 28. April im Scharffschen Haus an der Heiligengeiststraße zu sehen ist. Nächster Referent im Hörsaal 3 der Leuphana ist der Hamburger Stadtbaurat Prof. Jörn Walter, am Donnerstag, 11. April, um 19 Uhr.