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Auf der Spur alter Meister

ff Lüneburg. Prozessionen sind eine Angelegenheit der katholischen Kirche. Als Martin Luther die Reformation anschob, war in den betroffenen Gebieten Schluss damit, die nicht mehr benötigten Requisiten wurden aus dem Verkehr gezogen. Das betrachten Restaurateure und Kunsthistoriker heute als Glücksfall. Denn auf diese Weise sind bis heute Kunstwerke erhalten, die in ihrer Art als einzigartig gelten. Dazu gehören zwei Prozessionsfahnen im Besitz des Klosters Lüne, die um 1400 entstanden. Sie zählen zu den ältesten Leinwand-Malereien überhaupt.

Die Kostbarkeiten wurden in Hannover repariert und konserviert. Jetzt stellte Diplom-Restauratorin Kirsten Schröder ihre rund einjährige Arbeit vor, die in der Branche ebenfalls auf heftiges Interesse stößt.

Die auf Vorder- und Rückseite bemalten Prozessionsfahnen, ursprünglich etwa anderthalb Quadratmeter groß, lagerten jahrhundertelang im Kloster Lüne. Die unteren Hälften, die wohl keine Darstellungen enthielten, waren einst abgeschnitten worden. Die Bilder aber mochten noch für Gottesdienste und repräsentative Zwecke ihren Wert gehabt haben. Zuletzt waren sie hinter Glas ausgestellt. Das aber hatte Löcher, Pilze nisteten sich ein, der Stoff schimmelte.

Wer die mit viel Gold und Zinnfolie auf Rot fein ausgearbeiteten Darstellungen von Jesus und den Aposteln einst schuf, lässt sich nicht mehr herausfinden. Fest steht: Sie waren Meister ihres Faches. „Sie wussten genau, wie die verschiedenen Farbpigmente und Bindemittel aufeinander reagierten, und setzten die Wirkungen geschickt und zielgerichtet ein“, so Kirsten Schröder. Ein weiterer Glücksfall: Es hat nie Versuche gegeben, die Fahnen — etwa durch Retuschen oder Übermalungen — zu erneuern. Das hätte nur dilettantische Verfälschungen ergeben. Lediglich ein paar Risse waren mit Nadel und Faden ausgebessert worden.

Kirsten Schröder hat nach langen Analysen und Recherchen in den Archiven und Magazinen versucht, die Maltechniken und die eingesetzten Mittel zu rekonstrieren. Doch der Teufel steckt im Detail. Schröder: „Wenn da etwa steht, dass zwei Tropfen Honig mit einer Nussschale Öl vermischt werden — was für eine Nuss ist gemeint?“

Ob die Prozessionsfahnen „made in Lüneburg“ sind, ist unklar. Stilistisch sind sie dem norddeutschen Raum zuzuordnen. Zwar fand Kirsten Schröder unter dem Mikroskop Kristalle. Die geologischen Besonderheiten des Lüneburger Kalkbergs (eigentlich: Gipsbergs) mit dem Vorkommen von Lüneburgit und Boracit bieten, so Schröder, „ein bedeutendes Potenzial, um abseits von rein stilistischen Vergleichsmöglichkeiten einen Nachweis über den Entstehungsort zu erbringen.“ Das Problem: Es gibt für ausführliche Tests zu wenig Rückstände, eine zerstörungsfreie Analyse gibt es nicht.

Eine ausführliche Dokumentation ihrer Arbeit hat Kirsten Schröder im Kunstverlag der Klosterkammer Hannover veröffentlicht; Titel: „Zeitzeugen der Kunst früher Leinwandmalerei — Die Prozessionsfahnen aus dem Kloster Lüne“. Die Originale sind im Museum des Klosters ausgestellt.