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Kiez, Hauptstadt und Metropole

oc Lüneburg. Die vorgesehene Stunde werde er brauchen, sagt Reiner Nagel. Er packt noch gut 30 Minuten drauf und hat am Ende seines Beitrags zu den „Positionen der Architektur der Gegenwart“ Stoff für locker acht Semester ausgerollt. Über Architektur, wenn es dabei Haus um Haus zu Giebel und Gesims gehen sollte, darüber hat er nicht gesprochen. Reiner Nagel ist vor allem Städteplaner, ein Mann der Grundlagen. Der Lüneburger, der halb hier, halb in Berlin lebt, hat in Hamburg die HafenCity miterschlossen. Er leitet seit Jahren in Berlin die Abteilung für Stadtentwicklung, Stadt- und Freiraumplanung, und ab 1. Mai residiert er in Potsdam als Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. Sein Thema in der Leuphana: Wie kann gutes, also sinnvolles Bauen in den großen Städten gelingen?

Weltweit wechseln Woche um Woche 1,4 Millionen Menschen vom Land in die Stadt. Das ist primär ein Dritte-Welt-Thema, aber nicht nur. Die Statistik weist auch in reichen Ländern wie Deutschland einen Sog in die große Stadt aus – nach Hamburg, München und bei jungen Menschen vor allem nach Berlin. Das hat mit Image zu tun, mit veränderten Lebensidealen und mit dem Wandel von einer Industrie- zu einer Wissenskultur. Neue Arbeitsplätze der postindustriellen Welt brauchen oft nur wenig Fläche, finden Platz in der City.

Berlin sei eine Wissensstadt, sagt Nagel, in vielen Bereichen sicher strukturschwach, zugleich Hauptstadt und Metropole – und eine Stadt der kreativen Kieze. Im Bereich der Kreativwirtschaft komme bereits oft zusammen, was es für die Lebensqualität generell zu generieren gilt: Stadtidentität und Nahraumqualität. Zu den Typika für Berlin gehöre zum Beispiel die geringe Fahrzeugquote. Das Nutzen eines Autos sei weit weniger effizient als das Nutzen von Rad plus dichtem Netz von Bus, U- und S-Bahn.

Berlin ist auch eine Touristenstadt. 100 Millionen Menschen fluten Jahr um Jahr durchs Brandenburger Tor. Die Museumsinsel aber, einer der großen Magneten, könne nur 3,5 Millionen Menschen durchschleusen. Da besteht Gestaltungsbedarf. Auch den Wiederaufbau des Schlosses streift Nagel: „Das Thema läuft in Berlin am Rande, es ist ein Bundesthema.“ Es gebe keine Leidenschaft für den Baubeginn.

Bei einem anderen der großen Themen dagegen gehen Politiker und Bürger in die Luft. Nagel bringt die Situation auf den Punkt: „Berlin ist die einzige Stadt der Welt, die zwei Flughäfen schließt, aber einen neuen nicht geöffnet kriegt.“ Der neue mit seinen Turbulenzen – „ein Blindflug, ein echtes Desaster“ – werde seiner Schätzung nach Anfang 2015 öffnen. Der Start ziehe einen erheblichen Strukturwandel nach sich. Das betrifft die Anbindung an die Stadt, und, was Nagels Thema ist, die Nachnutzung der alten Flughäfen. Am Beispiel Tegel zeigt Nagel auf, wie wichtig schon die Planung der Planung ist, wie es gelingt, eine Vielfalt auch abseitig scheinender Ideen zu diskutieren – das ging bis zur Großviehhaltung. Gelandet ist die Debatte der Standortkonferenzen dabei, das Terminal in einen Ort der Lehre, Forschung und Industrie zu verwandeln: „The Urban Tech Republic“ – kommende Woche Thema im Senat.

Da packt Reiner Nagel dann schon sein Büro im Senat zusammen. Er wechselt also nach Potsdam an die Spitze der Bundesstiftung Baukultur und wird die Themen seiner bisherigen Laufbahn aus erhöhter Perspektive betrachten und vorantreiben – und vielleicht auch darüber in Lüneburg berichten.