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Das Leben als Afropolitan

uhl Lüneburg. Die Schriftstellerin Taiye Selasi umgibt etwas Mystisches. Wer ist diese Frau, die praktisch über Nacht die Feuilletons der großen Zeitungen um den Verstand brachte, an deren Erstlingswerk nach nur 100 niedergeschriebenen Seiten der zweitgrößte Verlag der Welt die Rechte erwarb und der in diesem Jahr neben dem englischen Original gleich in 14 weiteren Sprachen erschien? Diese bildschöne und hochgebildete Frau, die in ihrem Leben mehr Länder ihr zu Hause nennen konnte als der deutsche Durchschnittsbürger in seinen ganzen Leben im Urlaub bereist? Für eine Lesung aus ihrem Romandebut „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ haben das Literaturbüro Lüneburg und die Literarische Gesellschaft die Weltbürgerin nach Lüneburg geholt.

Der preisgekrönte Übersetzer Bernhard Robben moderierte den Abend. Im ausverkauften Roy Robsen Konzepthaus konnten sich die Gäste vor allem von einem überzeugen: Taiye Selasi hat nicht nur einen wunderbaren Roman geschrieben, sondern ist auch eine ebenso beeindruckende und überzeugende Persönlichkeit.

Ihr Roman erzählt die Geschichte einer Familie, die an ihren eigenen Erwartungen scheitert, zerreißt und letztlich wieder zusammenfindet. Der Vater Kweku hat die Armut seiner Kindheit in Ghana hinter sich gelassen und in Baltimore als gefeierter Chirurg seinen Traum jenseits von Afrika verwirklicht. Die Mutter Folasadé dagegen hat ihren Traum aufgegeben, denn „Ein Traum reicht für uns beide“. Sie kümmert sich um die vier Kinder: Olu, der selbst ein begnadeter Chirurg werden wird, die Zwillinge Kehinde und Taiwo, er der Künstler in der Familie und sie sowieso immer die Beste in allem, und Sadie, das begabte Nesthäkchen. Am Ende ist es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die die Familie zerstört. Eine hoffnungslose Patientin, Geldgeberin des Krankenhauses, in dem Kweku praktiziert, stirbt nach einer tadel-los ausgeführten Operation. Um die Verantwortung von sich zu weisen, macht das Krankenhaus Kweku zum Bauernopfer und entlässt ihn. Er sieht sich selbst gescheitert, verzweifelt und verlässt seine Familie. Diese zerbricht an seiner Flucht und verstreut sich in alle Winde. 16 Jahre später finden sie wieder zusammen: an Kwekus Grab.

Geboren vor rund 33 Jahren in London und aufgewachsen in Baltimore, lebt Selasi heute in New York, Neu Delhi und Rom. Ihr Vater ist Ghanaer, die Mutter Nigerianerin mit schottischen Wurzeln. Da fällt es der Schriftstellerin schon schwer zu sagen, woher sie eigentlich kommt. Selasi selbst bezeichnet sich als „Afropolitan“, ein Begriff, den sie 2005 in einem Essay prägte. Bernhard Robben hakt nach: Warum Afropolitan, wenn sie doch die meiste Zeit ihres Lebens außerhalb Afrikas verbracht hat? Sie sei überall nicht „richtig“, erläutert die Autorin. Mit ghanaischen Werten erzogen, wird ihr in den USA gesagt, sie sei anders, in England passt sie nicht in die Strukturen, und in Ghana fällt sie wegen ihres Akzentes auf. „Ich brauchte eine neue Identität.“ Die hat sie sich kurzerhand selbst geschaffen. Als eine Afropolitan ist sie eine Weltbürgerin mit afrikanischen Wurzeln.

Auch die Figuren ihres Romans sind Afropolitans, mit afrikanischen Wurzeln, einem Leben in der ganzen Welt und auf Identitätssuche. Diese arbeitet Selasi mit einer unglaublichen Sprachfertigkeit heraus. Dabei ist es gerade das Ungesagte, sind es die präzise platzierten Leerstellen, die den Verlust oder die jeweiligen Niederlagen der Figuren hervorheben. Selasis Sprachstil brachte ihr den Vorwurf ein, er würde vom Inhalt ablenken. „Das literarische Schaffen der heutigen Zeit ist vom Streben nach Inhalt geprägt“, sagt Selasi. Für sie sind jedoch Rhythmus, Sprachmelodie und Duktus ebenso wichtig wie der Plot, denn „Form ist Inhalt“.

Die treibende Kraft ihres Schreibens zog die Autorin nach eigener Aussage aus ihren stetigen Grenzüberschreitungen. Durch ihr Schreiben könne sie Grenzen überwinden. Je öfter sie diese überschreitet, desto deutlicher wird ihr, dass Raum und Grenzen illusorisch sind. Für Selasi gibt keine Unterschiede, „schwarz und weiß, das ist eine Illusion. Mit meinem Schreiben kann ich diese Illusion aufheben.“