Donnerstag , 29. September 2016
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Armut ist nicht cool

ff Lüneburg. Armut ist geil. Jedenfalls in New York, wenn man im hippen East Village wohnt, in einem stilvoll verrödelten Loft, wenn man jung ist und kreativ und viele Freunde hat, mit denen man die Welt aus den Angeln heben und dem Establishment den Mittelfinger zeigen will. Allerdings ist Armut nicht mehr lustig, wenn man im Winter sterbenskrank wird, der Hausbesitzer den Strom abdreht und schließlich die Bude verriegelt, weil niemand die Miete bezahlen kann. Davon erzählt das Musical „Rent“, 1996 am Broadway uraufgeführt, nur ein paar Straßen vom East Village entfernt also, und dort lief es zwölf Jahre lang, ohne Pause.

Warum das Musical so erfolgreich wurde, das vermittelt eine Lüneburger Inszenierung, die jetzt im T.3 ihre ausverkaufte und umjubelte Premiere feierte: ein gemeinsames Projekt des Theaters mit der Leuphana und dem Studierenden-Verein Haute Culture. Svenja Huckle (Musikalische Leitung) und Oliver Hennes (Regie) haben ein Stück auf die Bühne gebracht, in dem es temporeich zur Sache geht, mit einem hochmotiviert und punktgenau agierenden Team von immerhin mehr als dreißig Darstellern und Musikern. Bereits die erste Aufführung mit ihren ineinanderverlaufenden Handlungssträngen wurde so lustvoll und souverän nach vorn gespielt, als gäbe es kein Lampenfieber auf dieser Welt.

Rent, eine moderne Adaption von Puccinis Oper „La Bohème“, ist laut und heftig, sie groovt und rockt, aber sie ist selten fröhlich. Das rund zweistündige Musical, angesiedelt in den 1990er-Jahren, erzählt von Drag Queens, Ausgestoßenen, Einsamen, Schwulen, Lesben, von Dealern, Junkies, Aidskranken, Ausbeutern und Spekulanten. Es muss wohl in New York, der aufregendsten Stadt der Welt, einen empfindlichen Nerv getroffen haben. Dass Jonathan Larson, der hochtalentierte Texter und Komponist des Musicals, am Tag der Premiere im Alter von nur 35 Jahren an den Folgen seiner HIV-Infektion starb, hat Rent auf zynische Weise zu einem Mythos werden lassen.

Nun geht es an der Ilmenau nicht ganz so dramatisch zu wie seinerzeit am Hudson River. In Lüneburg ist es kein Unding, wenn der schwule Heidekönig zur Krönung antritt. Homosexuelle wurden in Hamburg, Berlin und Paris zu Bürgermeistern gewählt. Aids ist weiterhin unheilbar, zumindest bei guter Versorgung mit Medikamenten können die Betroffenen aber ein menschenwürdiges Leben führen.

Auch wenn die Themen also nicht mehr so heiß brennen mögen: Wie unterschiedlich die Lebenswelten in einer Gesellschaft sein können, das zeigt das Lüneburger Musical eindringlich. Träume werden zu bitteren Enttäuschungen, Visionen von einer gerechteren Welt platzen wie Seifenblasen, aus Liebe wird Eifersucht und aus Unabhängigkeit schlichtes Elend. Und die Darsteller schaffen es, Trotz, Verzweiflung und Entfremdung glaubhaft zu machen. Wenn Mom und Dad einmal telefonieren und sich nach ihren Sprößlingen — „Darling, wir lieben Dich!“ — erkundigen, dann wirkt es, als käme ihr Anruf vom Mars. Aufwändige Kulissen (Bühnenbild: Barbara Bloch), um die sozialen Unterschiede zu illustrieren, braucht die kompakte Inszenierung nicht.

Am Broadway brachte es Rent auf 5123 Vorstellungen. Ganz so viele können es in Lüneburg City nicht sein. Aber die Termine (3., 4., 11., 12., 17., 18. und 23. Mai) werden ihr Publikum finden, die Show hat jedenfalls alle Voraussetzungen dafür.