Donnerstag , 29. September 2016
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Salonfähige Straßenkunst

thi Lüneburg. Der Werkumfang des Mannes, der sich Human Flashboy nennt, ist so vielseitig wie seine Methoden. Als „salonfähige Streetart“ bezeichnet er selbst seine Kunst, die von Schablone, Installation und klassischem Graffiti über Siebdruck bis hin zu kleinteiligen und detailverliebten Zeichnungen reicht. Der Künstler, der eigentlich Marcel Hermann heißt, macht derzeit sein Fachabitur an der Fachoberschule Gestaltung in Winsen/Luhe. Anzutreffen ist der 26-jährige Human Flashboy auch im Lüneburger Pons, dort arbeitet der gelernte Koch nebenher. Denn von der Kunst leben, das ist zurzeit aussichtlos.

Den ersten Kontakt mit Streetart hatte Marcel während seiner Jugend in der Nähe von Schwerin: Skateboard, HipHop und Breakdance. Als es mit dem Skateboard nicht so richtig lief, wechselte er zu den Sprühdosen. Dass seine Werke schon nach kurzer Zeit nicht mehr an Ort und Stelle waren, frustrierte ihn. Diese Jugendsünde hinter sich lassend beweist er heute, dass Streetart mehr sein kann und sein will als Schmierereien an Häuserwänden.

Das Besondere an seiner Arbeit ist die Kooperation mit anderen Protagonisten des Genres. Es gehe heute nicht mehr so sehr darum, seinen Namen zu verbreiten. Vielmehr sei das Ziel der Szene, zwei oder mehr Stile miteinander zu kombinieren. Die gemeinsame Arbeit und geteilte Autorenschaft eröffne neue Perspektiven. Zusammen mit Menschen, die sich hinter so schillernden Namen wie Juli Über Alles, Jayn, Boing oder Sanor verbergen, entstehen neue Werke.

An die Geschichte mit Juli Über Alles erinnert er sich besonders gern. Hermann kannte nur die Werke, nicht aber die Person selbst. Über das Internet verabredete man die gemeinsame Arbeit. Das Werk kann sich sehen lassen: Zwei Vögel, die stilistische Ausarbeitung könnte kaum unterschiedlicher sein, die sich gegenseitig über eine gewisse Distanz betrachten. Einer der beiden gar mit einem Fernglas als Hilfsmittel. So wurde die reale Situation der Kooperation bildlich aufgegriffen und verarbeitet.

Wo es Schrottsammler während der Sperrmülltermine auf kostbare Kupferdrähte und Elektrogeräte abgesehen haben, hält Human Flashboy Ausschau nach ramponierten Möbeln oder verbrauchten Gegenständen. Dann wird aus einer beschädigten Ukulele eine Installation mit dem schönen Titel „Hendrixerbe“. Und aus alten Brettern, ein paar Nägeln und Schuhbändern ein zierender Rahmen für den Trommelwirbel — ein Bild, bei dem Betrachter möglicherweise die Verfilmung der „Blechtrommel“ vor Augen haben.

Im Ladencafé des Vereins Zum Kollektiv e.V. in der Lünertorstraße stellte Human Flashboy zuletzt seine Werke aus. In Lüneburg sei es nicht einfach, seine Kunst zu präsentieren. Nach der einmonatigen Ausstellung in dem Ladencafé zieht es ihn nun nach Hamburg. Dort hat er sich bei der Millerntor Galerie beworben.

Was er sich für Lüneburg wünscht? Ein riesiges Gebäude wo sich die jungen Leute, die Künstler, Bands und Kreativen endlich frei entfalten und ausleben können. Das allerdings entsteht gerade — die Bewerbungen für die Ateliers in der Kulturbäckerei laufen.