Mittwoch , 28. September 2016
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Die Flut wird kommen

oc Lüneburg. Es ist ein düsteres, ein graues Land, auf das sich der Nebel wie ein Tuch legt. Hinterm Deich wuchert Aberglauben, klammern sich Menschen an Gewohnheiten und uralte Geschichten. Das Meer sichert ihr karges Leben und bedroht es zugleich. Es ist das Land, in dem Theodor Storm aus altem Stoff und neuen Gedanken den „Schimmelreiter“ schrieb, eine Geschichte über den Zusammenprall von Tradition und Fortschritt, vom Kampf des Einzelnen in der Gemeinschaft, vom Hinsehen und Weggucken und vom Visionär, der an sich scheitert.

Für die berühmte Storm-Novelle hat Martin Pfaff im Theater Lüneburg ein formal wie inhaltlich bestechendes Konzept gefunden. Pfaff hat die Geschichte, die John von Düffel zum Drama umbaute, mit Katja Stoppa weiter verdichtet.

Die Deichbauern und ihre Frauen bilden einen Chor der Erzähler, das allein gibt dem Abend schon archaische Wucht. Immer wieder treibt der Chor das Geschehen synchron voran. Immer wieder treten die Figuren aus ihren Rollen und erzählen aus ihrer Sicht die Geschichte vom klugen, aber misstrauisch beäugten Burschen Hauke Haien, der jung zum Deichgraf aufsteigt und weiß, wie ein Deich aussehen muss, soll er vor der großen Flut schützen. Das Neue aber, das wollen sie nicht, das schafft nur Unruhe so wie der Sonderling Hauke, der nicht mit ihnen im Krug Met säuft, sondern immer manischer bei Tag und Nacht auf der Deichkrone hockt.

Auf die Bühne hat Ausstatterin Barbara Bloch eine Art Erzählkiste gesetzt, ein Symbol für den Deich und zugleich für die Enge des Lebens, gegen die sie vergeblich anrennen. Dahinter wabert der Nebel weiß und grau und pechschwarz, er hüllt die Bühne, auch die Menschen in gespenstische Bilder. Die genau gearbeiteten historischen Kostüme und die oft in Satzbau und Wortwahl altertümelnde Sprache unterstreichen noch die Rollen und Hierarchien der Männer und Frauen.

Das Geschehen aus Erzählung und Dialog löst Martin Pfaff laufend auf: mit suggestiver Musik und Klangcollagen voll Glucksens und Grummelns, geschrieben von Stefan Pinkernell. Mit choreographierten Szenen, wenn zum Beispiel die Arbeiter den neuen Deich bauen. Oder wenn der Schimmel über die Bühne springt, wenn sich die Menschen in eine Ecke kauern. Es ist eine unheimliche Welt, die sich auftut, eine, in der die krumme Alte Hexereien anbringen will, und in der stumpfe Gewalt lauert. Bei Pfaff bricht sie sich in Worten Bahn, sie wird – recht oft – hinausgebrüllt in die Welt, aus der es kein Entrinnen gibt. Es sei denn, in den Wahn, in dunkle Rituale, in den Suff.

Alles ist durchdacht in dieser so intellektuellen wie poetischen Inszenierung. Wenn sich die hintere Wand der Erzählkiste senkt, verkörpert sie den neuen Deich, der sich nicht wie eine Mauer gegen das Meer stemmt, sondern leicht ansteigend die Flut ins Leere auslaufen lässt. Das Fallen der Wand symbolisiert aber auch, wenn nur der Nebel nicht wär‘, dass der Blick ins Weite gehen und neuen Ideen Raum geben kann.

Pfaff, der in Lüneburg zuletzt „Ladies Night“ in Szene setzte, hat ein Ensemblestück gebaut. Hauke Haien, den Fabian Kloiber verkörpert, wird nur soweit hervorgehoben, wie es die Geschichte fordert. Kontur gewinnen alle Figuren, ob es die an ihrem Mann verzweifelnde Elke ist, gespielt von Sigrid Meßner, oder die alte, von Gefahren raunende Trien Jans, die Ulrike Gronow verkörpert. Gronow übernimmt, wie viele andere, mehrere Rollen. Claudia Grottke etwa ist als Tochter Wienke zu sehen und trägt den Kopf des Schimmels, vor dem die Menschen Angst haben. Matthias Herrmann, Gregor Müller, Beate Weidenhammer, Martin Skoda und Philip Richert komplettieren das Team, das diesen Abend zu einem fesselnden und fordernden Stück Theater großer Kraft führt. Langer Beifall.