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Hier ist’s brutal idyllisch

oc Neetzendorf. Jetzt ist es wieder vorbei mit der Ruhe in Salderatzen, in Lanze und Lenzen, in Bülitz, Klein Witzeetze und Groß Wittfeitzen. Eine Blechlawine überrollt bis Pfingsten das Wendland. Fahrräder werden abgeschnallt, hinein ziehen Frau und Mann und Kind und Kegel in den Trubel, der Kulturelle Landpartie heißt. Mancher der hundert Wunderpunkte mag im Lauf der Zeit zum wunden Punkt geworden sein, doch gibt es sie noch, die besonderen Orte, und der erste davon gehört, weit vom Wendland, zum Kreis Lüneburg.

Kurz vor Neetzendorf, an der Bahnbrücke, links auf einen Feldweg, am besten zu Fuß, steht nach vielleicht 800 Metern, wo geschlagene Eichen und Pappeln den Weg säumen, ein Streckenwärterhaus. Hier erschafft sich Brunhilde Bytof Knopf um Kragen eine textile Kunstwelt, hier lässt Wolf Kobernuß noch jeden Stapel Holz zur Skulptur werden. In die Stille schreit nur die Bahn, die alle 90 Minuten auf dem Damm neben dem Haus vorbeidieselt. Sonst singen nur die Vögel, läuft die Zeit lamgsamer, und ist die Welt brutal idyllisch.

Einen langen Tisch haben sie vors Haus gestellt, den hat Wolf Kobernuß aus einer Eiche geschnitten. Kobernuß hat Tischler gelernt, er schwört auf seine 80 Jahre alte Hobelmaschine, auf Zugmesser, Schinder und Werkzeug, das andernorts vergessen ist. Kobernuß, 1965 geboren, spricht vom „furchtlosen Umgang mit dem Material“ und zugleich vom tiefen Respekt, den er jedem Baum zollt. Stelen und Skulpturen schlägt und schneidet er aus den Stämmen und dann und wann ein Möbelstück. Kobernuß war oft Gast bei der Lüneburger FormArt, einen Wettbewerb zum Thema Tisch gewann er.

Der Tisch vor der Tür wird in diesen Tagen zur „sozialen Sonderzone“ – zum Treffpunkt für Menschen, die der Zufall dort versammelt. Hier ist kein Getöse drumherum wie an manch anderem Wunderpunkt, hier schreien höchstens ein paar Kraniche oder der Zug. Drinnen im Haus zeigt Kobernuß kleinere Arbeiten – und dann rollt sich da ein Vlies über den Boden aus, eine Decke oder einfach ein Objekt – aus 10 000 Knöpfen, verbunden mit Messingdraht – und wächst weiter. „Es kommen Leute zur Landpartie, die bringen mir Knöpfe mit“, sagt Brunhilde Bytof. Sie ist Modedesignerin, und seit fünf Jahren verknöpft sie ihr Können mit der Kunst. Eine Art Brautkleid aus hellen Knöpfen hat sie aufgestellt, „Zeitzeugen“ nennt sie ihre Knopfobjekte. Nebenan ist ihre Mode zu sehen, darunter eine Linie, mit der sie Recycling betreibt, also Altes in Neues verwandelt.

Bytof und Kobernuß leben hier draußen seit irgendwann in den 80ern, den 90ern. Ohne Kühlschrank und ohne manch anderes, was dem gemeinen Konsumbürger unverzichtbar scheint. Es kann brutal ungemütlich werden, wenn Schnee und Eis herrschen und Einsamkeit. Und brutal schön, wenn es Mai ist und die Sonne scheint. Der Garten, zur Landpartie ein bisschen aus Selbstschutz abgetrennt, steht zum Wald hin offen. „Die Wildschweine finden genug im Wald, sie brauchen unseren Ort nicht“, sagt Wolf Kobernuß und erzählt von den Schwalben, die zwei Wochen später als sonst kamen, und vom Neuntöter, der früher als erwartet zu sichten war.

Brunhilde Bytof und Wolf Kobernuß leben mit der Natur. „Es war kein Konzept, man wächst da rein“, sagt er. Leicht ist das nicht immer, aber Kobernuß sagt auch: „Ich bin der freieste Mensch der Welt.“ Mit Textilem und Hölzernem sind sie seit 1986, als die Kulturelle Landpartie begann, dabei. Erst als Gastaussteller, längst mit eigenem Wunderpunkt. Es gab eine Phase, da boten sie zur Kulturellen Landpartie Kaffee und Kuchen an. Das wurde ihnen zu viel, die Autos standen bis zur Straße, Raucher schnippten ihre Kippen in Beet und Wiese. „Es war irre voll. Wir haben das runtergedimmt, bieten keinen Café-Service mehr, wir sind keine öffentliche Einrichtung“, sagen sie und freuen sich doch, wenn in diesen Tagen am Tisch Leben ist. Er misst 3,45 Meter, da können zwölf Besucher und auch mal mehr Platz finden. Und vielleicht Knöpfe mitbringen.

Der Zug schreit wieder, 90 Minuten sind schon vorbei. Raus führt der Weg aus der Idylle, schnell ist Dahlenburg erreicht, brutal real.