Dienstag , 27. September 2016
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Abstieg ins Bodenlose

hjr Lüneburg. Entscheidend ist der erste Satz, angeblich. Er soll hineinsaugen, aufrütteln, Neugierde wecken. Ein Mythos vielleicht. „Wir sprachen über Windrichtung und Wellengang und spekulierten, wie der November verlaufen würde.“ Juli Zeh wählte diese Formulierung als Einstieg in ihren aktuellen Roman „Nullzeit“, 2012 bei Schöffling & Co. erschienen. Wieder eine Erfolgsgeschichte in der Biografie. Die 1974 geborene Autorin hat schon einige Bestseller publiziert, „Adler & Engel“ zum Beispiel oder „Corpus Delicti“. Die letzten Worte ihrer Romane tragen ebenfalls eine besondere Last: „Ich weiß nicht, warum, aber ich ertrage die Brandung nicht mehr.“

Leser ahnen, zwischen diesen beiden Sätzen liegen Welten, Abgründe, emotionale Wallungen, Veränderungen von großer Tragweite. Genau darum geht es. „Nullzeit“, das ist ein hoch konzentriertes Kammerspiel, ein Thriller. Als Beitrag zur Reihe „Ausgewählt“ des Lüneburger Literaturbüros stellte Juli Zeh den Roman im ausverkauften Glockenhaus vor. NDR-Redakteurin Margarete von Schwarzkopf moderierte den unterhaltsamen Abend mit Sorgfalt und Sachkenntnis: Lesung und Gespräch verströmten Esprit.

Am Beginn des Schreibprozesses steht Vertrautes, Reales. Dann startet der Text durch, ins Fiktive, hebt ab in eine Geschichte, die nur noch sehr partiell persönliche Bezüge aufweist. In „Nullzeit“ erzählt Juli Zeh den Plot aus variierenden Blickwinkeln. Das verleiht dem Inhalt etwas bewusst Diffuses. Lanzarote war dieses Mal die Inspirationsquelle. Eine Insel als Schauplatz, das ist die maritime Kulisse für das jüngste Opus. Hier entspinnt sich ein Beziehungsdrama mit Einsichten in Seelentiefen und sinistre Begierden. Harmlos liest sich das Buch zunächst und steigt dann zunehmend ins Bodenlose hinab. Die wechselnden Perspektiven betrachten ein identisches Geschehen, aber aus ganz unterschiedlicher Wahrnehmung. Das sorgt für Spannung.

Mit ihren präzisen Beschreibungen der intimen Kleinkriege und Katastrophen der vier Protagonisten bewegt sich Juli Zeh in die Gefilde des Kriminalromans und folgt dem Gestus dieses Genres trotzdem nicht linear. Es gibt Ausflüge ins Politische mit scharfen Kommentaren, ins Philosophische, zu Flirts mit französischer und angelsächsischer Literatur, wie Juli Zeh betonte.

Die Schriftstellerin sprach launig über das mühselige Suchen, das lange Holpern beim Schreiben, bis der richtige Rhythmus, die Sprachmelodie gefunden ist und vor allem auch über den berühmten ersten Satz. Von dessen vermeintlicher Bedeutung hält sie wenig. Selbstkritisch und ironisch reflektiert die ehemalige Jura-Studentin aus Bonn ihre Arbeit. Die Auflagen sprechen Bände, ihre Bücher liegen in 35 Übersetzungen vor. Diverse Preise belegen die breite Anerkennung ihrer bisher veröffentlichten Bücher.

„Nullzeit“ ist ein weiteres Meisterwerk, klug komponiert, kalt, zugleich witzig und gefühlsschwer, ein Balanceakt zwischen Tragik und Komik. „Eben wie das Leben“, bemerkt Juli Zeh lapidar. Das Publikum genoss die Veranstaltung.