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Glaubensbekenntnis des Neids

ff Radbruch. Plakate hat Walter Knolle „nie gesammelt, sondern immer nur aufgehoben“. Über die Jahre häufte der heute in Radbruch lebende Pädagoge, Bildhauer und Grafiker aber so viele Plakate an, dass es nun für eine große Ausstellung mit hunderten Exponaten reicht. Es gibt Werbungen, Schmähungen, aufwändig gestaltete Drucke und Pamphlete, denen man die Eile — und manchmal auch die Wut — ansieht, in der sie entstanden. „50 Jahre Plakat“ heißt die Präsentation, die am Sonnabend, 25. Mai, um 15 Uhr in Walter Knolles Kunstscheune eröffnet wird.

Plakate wollen wahrgenommen werden. Sie müssen sich an der Litfaßsäule oder auf der Bretterwand einer Baustelle neben zahlreichen Konkurrenten behaupten, sie müssen auch aus der Distanz wirken und im Gedächtnis bleiben. Für die Ewigkeit gedacht sind sie nicht. Dennoch gibt es Motive, die echte Klassiker geworden sind, es in die Museen geschafft haben und das Plakat als eigene Kunstform begündeten — Arbeiten von Klaus Staeck beispielsweise. Seine Wahlkampf-Satire „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!“ ist auch in Radbruch zu sehen.

Von „Theater“ über „Verkehr“ bis „Anti-AKW“: Die Ausstellung ist nicht chronologisch oder stilistisch, sondern vor allem nach Themen geordnet. Der heftige Widerstand gegen Atomkraftwerke, der auch die Druckerpressen ordentlich in Betrieb hielt, nimmt relativ viel Platz ein, da hat sich Walter Knolle engagiert und sogar eigene Werke beigesteuert.

Manche Plakate nutzte der Lehrer einst für den Unterricht, etwa, um aktuelle Themen zu illustrieren. Andere wurden ihm für die Ausstellung geliehen. Dazu gehört ein Zyklus polnischer Theaterplakate, deren Bild-Anteil schon für sich allein künstlerische Relevanz hat. Der größte Teil der gezeigten Arbeiten stammt aber aus Deutschland. Zum Rahmenprogramm gehört eine Dia-Show, die sich vor allem um Werbung aus den 60er- und 70er-Jahren dreht und Bezüge zu aktuellen Präsentationen im öffentlichen Raum herstellt.

Am ruppigsten — und wohl auch am spannendsten — sind die gesellschaftspolitisch motivierten Kampf-Plakate. Nicht immer ist die Herkunft klar. Auf einem wird Winston Churchill in typischer Siegerpose gezeigt und zitiert: „Sozialismus ist die Philosophie des Versagens, das Credo der Ignoranz und das Glaubensbekenntnis des Neids“. Der Hersteller des Plakats nennt sich „Arbeitskreis sozialer Marktwirtschaft“ mit einer Adresse in München. Ob das Ganze als Parodie oder ernst gemeint war, lässt sich kaum noch herausbekommen. Bekannt vorkommen werden manchen Besuchern dagegen Arbeiten von dem Hamburger Michael Hahn, der für die Bühnen in Lüneburg und in Detmold arbeitet(e).

Die Ausstellung in der Schäfer-Ast-Straße 15 a läuft bis 23. Juni, jeweils sonnabends/sonntags 15-18 Uhr.