Donnerstag , 29. September 2016
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Klappern gehört eben zum Handwerk

ele Uelzen. Zum zweiten Mal kommen Die Ärzte als Headliner zum Open Air nach Uelzen. Das „Ärztival“ geht am 17. August über die Bühne. Die Ärzte bringen Bands mit in die Almased Arena: Bonaparte, Desorden Publico und Kraftklub werden das Programm eröffnen. Im LZ-Interview spricht Farin Urlaub über Die Ärzte und den langen gemeinsamen Weg.

Das aktuelle Album „auch“ ist sehr strukturiert: Ein Lied singen Sie, ein Lied Bela, ein Lied Rod und so weiter. Wie kommt denn das?

Farin Urlaub: Das wollten die anderen Beiden so. Ich hätte gerne alle Lieder gesungen er lacht]. Die Mischung wurde dann letztendlich durchgezogen. Es gibt eine Stelle, wo ich tatsächlich zwei Lieder in Folge singe, weil sie sehr gut hintereinander passen. Der Hauptmotor dahinter war Bela, der meinte, „das ist dann die maximale Abwechslung und man muss nicht immer deine Quäkstimme hören.“

Das war aber sehr brüderlich, kein Konkurrenzkampf innerhalb der Band.

Farin Urlaub: Es gibt immer einen Konkurrenzkampf beim Liederschreiben. Jeder möchte natürlich die besten Lieder haben, die interessantesten und die abwechslungsreichsten. Aber letztendlich ist alles immer sehr brüderlich. Wir stehen uns nicht mit unseren Anwälten gegenüber und klagen uns gegenseitig aufs Album.

Wie schreiben Sie Ihre eigenen Songs? Klassisch an der Gitarre? Oder benutzen Sie PC Co.?

Farin Urlaub: Ungefähr die Hälfte schreibe ich an der Gitarre, einfach so. Ich sitze zu Hause und spiele vor mich hin und denke „Oh, das klingt gut“. Die andere Hälfte entsteht ohne jedes Instrument, meistens beim Verreisen, wenn ich irgendwo entlangfahre oder -spaziere. Plötzlich überkommt mich da eine schöne Melodie, eine schöne Textzeile oder manchmal auch ein ganzes Lied. Dann zücke ich mein Diktiergerät und fertig.

Die Ärzte gibt es seit Anfang der 80er-Jahren. Wie leicht fällt es Ihnen noch, sich für ein neues Album zu motivieren?

Farin Urlaub: Das ist eigentlich eher umgekehrt. Wir müssen mittlerweile darauf achten, dass es nicht zu schwierig wird, die Fans für ein neues Alben zu motivieren. Wir machen schon sehr viel. Man sollte sich aber auch rar machen, sonst geht man den Leuten irgendwann auf die Nerven. Und das wollen wir nicht. Uns zu motivieren ist überhaupt keine Frage.

Die Ärzte haben vor einiger Zeit ein Experiment gewagt: Zwei Konzerte, einmal nur mit männlichem, einmal nur mit weiblichem Publikum. Außerdem haben Sie sich 2012 von Ihren Fans verabschiedet, um gleich danach bei der bereits im Vorfeld angekündigten Das-Comeback-Tour Ihr Comeback zu feiern. Laufen Sie nicht Gefahr, dass Ihre Musik dabei in den Hintergrund rückt?

Farin Urlaub: Das glaube ich nicht, denn dieses Klappern gehört eben zum Handwerk. Wenn man einfach nur sagt: Hier ist unser neues Album -jetzt spielen wir nur Konzerte und wir sehen uns wieder, wenn das nächste Album kommt, dann schläft man ja ein. Man muss stets dafür sorgen, dass es immer was Bescheuertes dazu gibt.

Brauchen Die Ärzte also immer was Bescheuertes?

Farin Urlaub: Ja, man kann das schon so sagen. Bela drückt sich etwas gewählter aus und sagt „Wir wollen uns nicht wiederholen“, ich sage mal: „Es darf halt gern bescheuert sein“. Daran Schuld ist zum Teil die Tatsache, dass heute alles massive Wichtigkeit haben muss. Wir leben in einer Welt, die komplett reizüberflutet ist, und wir können uns da leider nicht rausnehmen. Wir können nicht einfach sagen: „Ihr wisst ja, wir liefern immer gleichbleibende Qualität. Wir sind die Band, auf die Ihr vertrauen könnt“. Deswegen machen wir halt gern Blödsinn. Aber unser Herz liegt natürlich eigentlich an der Musik.

In einem Lied heißt es: „Hast du nichts Besseres zu tun, als Die Ärzte zu hören“. Stellt sich die Band infrage?

Farin Urlaub: Jeder von uns hat bestimmt tief drin mal Zweifel und denkt: „Ist es richtig, was ich mache? Soll ich nicht doch mal die Gitarre stimmen?“ Aber so richtig ernst ist es nicht.

Früher landeten einige Lieder der Die Ärzte auf dem Index . . .

Farin Urlaub: Und dann haben wir gelernt, wie man das vermeiden kann er lacht].

Ist die Band zahmer geworden oder ist die Welt abgebrühter?

Farin Urlaub: Die Welt ist definitiv abgebrühter. Denn Dinge, die noch vor zwanzig Jahren dafür gesorgt haben, dass man indiziert wird, finden heutzutage im Nachmittag-Fernsehprogramm reich bebildert statt. Was die Leute falsch verstehen: Wir wollten damals gar nicht schockieren. Wir wollten nicht auf den Index, sondern haben nur das gemacht, was wir lustig und interessant fanden. Die große Ironie für mich ist immer noch das Lied „Geschwisterliebe“. Ich habe den Text geschrieben, als ich 15 war und hatte noch nicht mal Sex gehabt. Im Prinzip hätte die Bundesprüfstelle mich vor mir selber schützen müssen. Es ist total absurd. Ich bin nie auf die Idee gekommen, dass das Lied hätte jemanden stören können, dass man es für bare Münze nehmen könnte. Aber wir haben die Rechnung ohne die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, die jetzt übrigens Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien heißt, gemacht.

Sie treten im August in Uelzen auf. Wie lange werden Sie spielen?

Farin Urlaub: Wie lange heißt bei uns immer so lange wie möglich und wir haben ja auch Gäste dabei. Es gibt aber immer einen Zeitpunkt, wo der letzte Ton gespielt werden muss, sonst kommt die Polizei. Wir werden circa 2,5 Stunden spielen, vielleicht noch länger.

Steht das Programm schon fest?

Farin Urlaub: Nein, da wir gerade erst anfangen, zu proben. Es gibt bei Die Ärzte immer ein Rahmen-Programm, die sogenannte Set-List. Dann gibt es das Publikum, das uns oft zu Spontaneität verleitet. In diesem Fall spielen wir das, was gerade passt.

Das Die Ärzte-Lieder-Repertoire ist sehr umfangreich. Wie spontan können Sie Lieder-Wünsche auf Konzerten erfüllen?

Farin Urlaub: Wir haben es mal auf die Spitze getrieben und haben eine kleine Tafel ins Publikum gegeben, worauf ausgesuchte Zuschauer ein Lied schreiben konnten. Am Anfang haben die Leute zum Beispiel „Westerland“ geschrieben, Lieder, die sowieso auf der Set-List waren. Später kamen viele Lieder, auch B-Seiten hinzu, die wir nie gespielt haben. Wir haben tatsächlich jedes Stück versucht. Es geht also ziemlich weit mit der Spontaneität. Wir haben knapp 300 Lieder geschrieben, 200 davon können wir irgendwie halbwegs hörbar spontan spielen.

Gibt es etwas, dass Sie mit Lüneburg verbinden?

Farin Urlaub: Ich habe ziemlich lange in dem Landkreis gelebt. Ich habe die absolute Ruhe dort geliebt, die Riesenwälder und die Landschaft, wo man stundenlang laufen kann, ohne jemandem zu begegnen. Das wollen vielleicht viele Lüneburger nicht hören, denn Lüneburg sieht sich, glaube ich, als den kleinen Bruder von Hamburg, kulturell nahezu gleichwertig, aber mit schönerem Rathaus.