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Die Schöpfung ist einfach schön

oc Lüneburg. Es gleitet bei diesem gefühlten Klimawandel die Erinnerung zurück in die Zeit, als der Mai noch wonnig war. Da gurrten Tauben, sangen Amseln, quakten Frösche und zog schon mal ein Storch seine Bahn über den Bleckeder Schlosshof, in dem gerade Chor, Orchester und Publikum die „Schöpfung“ genossen. Stimmungsvoller ging es nicht. Aber Joseph Haydns Oratorium über das Entstehen der Welt und das Leben im Paradies funktioniert natürlich auch „indoor“. Da folgt das Ohr noch aufmerksamer den pausenlosen Lautmalereien. Henning Voss jedenfalls holte das Werk in die Michaeliskirche und aus ihm alles heraus, was es an edelster Schlicht- und Schönheit birgt, an kindlichem Naturglauben, bei Händel entliehener Pracht und an romantischem Empfinden. In der so gut wie ausverkauften Kirche kam diese „Schöpfung“ hervorragend an.

Jedes Werk hat seine Zeit. Haydns frommes Staunen vor der Schönheit der Natur erscheint heute märchenhaft, wo doch der Mensch gerade zum totalverdateten Wesen formatiert wird. Und wo – leider?!? – ganz vergessen ist, wie die Sache mit Adam und Eva auszusehen hat: „Dein Will ist mir Gesetz“, säuselt Eva, die Gattin, „für ihn, aus ihm geformt“. Aber die wunderbare Mechthild Bach säuselt das nicht, sie singt so etwas mit einem Ernst, der die Last dieser weiblichen Bürde in sich trägt – auch wenn’s Papa Haydn so nicht gemeint haben wird. Sein Werk (Uraufführung 1799) besaß dennoch eine kaum mehr nachvollziehbare Sprengkraft. Der dritte Teil wurde oft nicht aufgeführt, weil er nicht religiös genug sei. Bei Haydn und Texter von Swieten ist der Mensch ein aufgeklärtes, stolzes Wesen, der Sündenfall kommt in der „Schöpfung“ nicht vor.

Naivität hin, heute unfreiwillig komische Textpassagen her – die Musik ist über weite Strecken einfach großartig. Haydn ist Sinfoniker, das wird schon im Beginn deutlich, wenn das Orchester aus dem Urgrund mit scheinbar von allen guten Musikgeistern verlassenen Klängen zu schließlich strahlendem C-Dur ins Licht der Sonne steigt. Henning Voss kitzelt diese Klänge mit dem Orchester extrem sensibel heraus. Im Laufe des Werks wächst die Bedeutung des Orchesters noch, oft ist es lautmalend dem Text voraus. Die Hannoversche Hofkapelle steigt in alle Aufgaben leidenschaftlich ein, sie bedient das Pompöse ebenso wie die kleinen Schmankerl, die Triolen der Lerchen – und was es alles zu entdecken gibt!

Mechthild Bach singt den Erzengel Gabriel und die Eva, deren Duett mit Adam schon volkstümlich extrem versüßt ist. Die Sopranistin und Adam-Bass Dietmar Sander deuten das Szenische sanft an, ein Hauch Ironie schwingt schon mit. Sander ist auch als Raphael so aufmerksam wie präsent, und das gilt ebenso für den erfrischend klaren Tenor von Georg Poplutz (Uriel), der mit einer – nichts banalisierenden – Art von Spaß vorgeht. Das Trio passt perfekt zueinander und wird von Voss mit Chor und Orchester ideal abgestimmt.

Die Michaelis-Kantorei firmiert als eine der größten in Norddeutschland, sie zählt auch zu den leistungsstarken. Sie hat sicher nicht übermäßig viel zu singen in der „Schöpfung“, aber doch viel Effektvolles und ist hervorragend vorbereitet. Voss erntet für seine Arbeit prompt nicht nur vom Publikum, sondern auch von seinem Chor verdienten Beifall.