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Wahrheit und Wahrnehmung

ff Lüneburg. Mit dem Radio-Hörspiel „Krieg der Welten“ löste Orson Welles, so ist es überliefert, am 30. Oktober 1938 eine Massenpanik aus: Viele New Yorker hielten die fiktive Reportage, die auf dem Roman von H.G. Wells über die Landung von Außerirdischen beruht, für real. Doch war die Hysterie echt? Oder hatten Journalisten, die eine fette Schlagzeile brauchten, alles nur erfunden oder gar selbst inszeniert? Für Almut Tina Schmidt hat diese Fiktion einer Fiktion gleich mehrfache Bedeutung: Die Autorin liebt das Spiel mit Wahrheit und Wahrnehmung — und sie liebt das Hörspiel. Der Krieg der Welten taucht wiederholt in ihrem Roman „In Wirklichkeit“ auf. Almut Tina Schmidt ist die aktuelle Lüneburger Literaturstipendiatin.

„In Wirklichkeit“ (Droschl Verlag) dreht sich um eine Frau, die unter einem Vorwand nach Antwerpen fahren will, aber ganz woanders landet und seltsamerweise dauernd alte Schulkameraden trifft. Natürlich kommt sie nie in Antwerpen an. Paranoia und falsche Fassaden, nichts ist, wie es scheint, und was besonders überzeugend wirkt, ist sowieso nur Inszenierung — so wie der „Krieg der Welten“, in dem absichtlich mit der Nervosität der Reporter und auch mit vermeintlichen Pannen gearbeitet wurde.

In Wirklichkeit wurde Almut Tina Schmidt 1971 in Göttingen geboren, studierte Literaturwissenschaften, Philosophie und Politologie, sie gewann Preise und Stipendien. Dass ihr Beruf etwas mit Büchern zu tun haben müsse, war ihr schon früh klar. Die erste Teilnahme an Schreibwettbewerben allerdings fiel allerdings noch recht unterschiedlich aus. Dennoch fasste sie schließlich Fuß in der Branche, mit Kinderbüchern und Theaterstücken — und eben mit Geschichten für das Radio, jenes altmodische Ding, das irgendwie nicht totzukriegen ist und immer noch eine Menge Hörer erreicht.

Erfolgreich verlief ihr Romandebüt: „Auswachsen“ (2002) handelt von einer jungen Frau im Übergangsbereich zwischen der Schule und dem Studium. Sie betreut Senioren in ihren Wohnungen, hat Stress mit ihrer Freundin und entfremdet sich von ihren Eltern. Kein dramatischer Generationen-Roman, sondern die Geschichte einer stillen Zuhörerin, die genau beobachtet und hinter den allgegenwärtigen Dampfplaudereien nach Zusammenhängen sucht.

Das ist Almut Tina Schmidt wohl auch. Die unglaublich vielen Möglichkeiten, sich falsch zu verstehen und Kommunikation ins Leere laufen zu lassen, gehören zu ihren Kernthemen. Und sie ist eine echte Sammlerin: „Manchmal liegt bei mir ein Stapel Zeitungen herum, und ich weiß nicht mehr, was ich da eigentlich aufheben wollte.“ Fest steht, dass sie in Lüneburg gerade parallel an einem Roman über eine komplizierte Liebesgeschichte schreibt (eigentlich ist jede Liebesgeschichte kompliziert) und an einem Hörspiel über Leute, die sich zwanghaft auf alles vorbereiten wollen, von der Beförderung bis zum Atomkrieg. Sie wollen sich sogar darauf vorbereiten, einmal ganz spontan zu sein.

Apropos Liebesgeschichte: Almut Tina Schmidt lebt eigentlich weit weg, in Wien, aber sie kennt die Gästewohnung des Heine-Hauses dennoch schon länger: Der renommierte Schriftsteller Thomas Stangl („Der einzige Ort“), Lebensgefährte und Vater ihrer dreijährigen Tochter Hannah, war bereits im Jahre 2009 Stipendiat in Lüneburg.