Mittwoch , 28. September 2016
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Ein schauderhaftes Nest

oc Lüneburg. Mag heute auch ein knackiger Sommertag sein, es muss an den Winter 1850 erinnert werden, einen der kältesten des Jahrhunderts. Einen ganzen Tag brauchte im Februar des Jahres der übel von Rheuma und Gicht geplagte Komponist Albert Lortzing (1801-1851), um in der ungeheizten Holzklasse der Bahn von Gera aus Lüneburg zu erreichen. „Ganz zerschlagen“ sei er angekommen, schreibt er an sein „liebes gutes Weib“. Die lange Reise sollte sich nicht einmal lohnen. Heute, im Juni 2013, würde Lortzing, dessen „Zar und Zimmermann“ am kommenden Sonnabend Premiere am Theater Lüneburg hat, mit Goldenem Buch und bestem Hotel begrüßt. Als er im Februar 1850 kam, spielte und dirigierte, lautet sein Fazit: „Lüneburg ist ein schauderhaftes Nest!“

Es ging Lortzing ohnehin nicht gut. Bis 1847 war der Komponist und Dirigent noch Kapellmeister am Theater an der Wien, nun musste er durch die Provinz tingeln, um zu überleben und seine Familie ernähren zu können. Dadurch kam er missgelaunt nach Lüneburg, engagiert vom Theaterunternehmer Kratz. Am 16. Februar 1850 schreibt Lortzing, der im „Deutschen Haus“ am Sand unterkam: „Ooh! o! Vorgestern habe ich Czar dirigiert und gestern in „nach Sonnenuntergang“ und Reisendem Studenten agirt; die Geschäfte waren aber trotz der große Verheißungen des Herrn Kratz schlecht. . .“ Und, noch schlimmer: „Geld, mein gutes Weib, habe ich keins erhalten, da heute wieder GAGEN-Tag ist und mein bischen – wie es scheint, gebraucht wird.“ Die Sänger hatten ein höheres Ansehen als der Dirigent und Schöpfer der Musik.

Werbung für das Gastspiel gab es nur mit einem kleinen Inserat im Lüneburger „Vorwärts“: „Mit Vergnügen machen wir das theaterliebende Publikum auf das Gastspiel des eben so beliebten Opern=Componisten als Schauspielers Albert Lortzing aufmerksam. Derselbe beginnt künftige Woche einen Cyclus von Gastrollen seiner beliebtesten Opern und Vaudevilles auf unserer Bühne, und wir dürfen gewiß genußreichen Abenden entgegensehen.“

Albert Lortzing hätte ein Star in der Stadt sein müssen. Denn seine Opern „Zar und Zimmermann“, „Die beiden Schützen“, „Der Wildschütz“ und „Der Waffenschmied“ waren in Lüneburg bereits aufgeführt worden. Aber Lortzings Gastspiel fand zumindest öffentlich nicht statt. Über das, was geboten wurde, schwieg der vom Nationalliberalen August Gumbrecht herausgegebene „Vorwärts“. Der Kritiker haderte mit Theaterunternehmer Kratz, der das Haus an der Apothekenstraße seit 1847 gepachtet hatte. Weil er keinen vernünftigen Sitzplatz im Kratz-Haus bekomme, werde er vorläufig nicht über das dort Gebotene berichten, teilt der Kritiker mit. Pech für Lortzing. Jürgen Lodemann zitiert die entsprechenden Briefe in seiner Biographie „Lortzing – Gaukler und Musiker“. Lortzings Quintessenz: „Es ist hier eine kolossale Banden:Wirthschaft! Gott bewahre jeden Menschen vor dergleichen.“