Mittwoch , 28. September 2016
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Was man muss und was man will

oc Lüneburg. Kommt Iris Ini Gerath ins Theater Lüneburg, dann neigt sich die Spielzeit dem Ende zu. Die Regisseurin aus Frankfurt ist für so etwas wie letzte Dinge zuständig, für den krönenden Abschluss, für die Verbindung von alter und neuer Spielzeit. Iris Ini Gerath inszeniert also wieder das Finale im Großen Haus, das ist normalerweise der Platz für die Operette, die dann im Herbst wieder auftaucht. Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ firmiert aber als Komische Oper, sie wird auch als Spiel“oper bezeichnet. Das Spiel und die Oper, das wird Iris Ini Gerath beides bedienen, wie die Premiere am Sonnabend, 22 Juni, um 20 Uhr zeigen soll.
„Man steht vor so einem Stück, arbeitet sich ein, liest, redet, hinterfragt, sucht, gräbt, um auf tieferen Grund zu kommen“, sagt die Regisseurin. Schon im Januar führte sie Gespräche, besonders mit Barbara Bloch, die Bühne und Kos“tüme verantwortet. Ins Zentrum rückte schnell der Zar. Ein Mann, geboren, um zu herrschen. Aber eigentlich, so wird es der Abend zeigen, ist er ganz anders. Er besitzt künstlerisches Talent, eine Gabe, die gelebt sein will. Die Musik Lortzings, so Gerath, charakterisiere deutlich stärker als der eher seichte Plot den Zaren mit entsprechender Seelentiefe.
Im Original tummelt sich der Zar unter Schiffbauern, um Wissen für sein rückständiges Land zu sammeln. Gerath und Bloch verändern die Szenerie: Aus dem Küstenort Saardam bei Amsterdam wird Dahlem bei Berlin. Dort findet sich der Zar in den 1920er-Jahren unter Künstlern wieder. Gerath: „Das war eine prickelnde Zeit, immens spannend für die Kunst. Ich sehe das als Metapher für einen Ort der Möglichkeiten.“
Gerath, Bloch und Musikdramaturg Friedrich von Mansberg stellten in ihren Gesprächen fest: „Die Lesart klappt.“ Das Spielerische und Komödiantische komme bei der Deutung nicht zu kurz, etwa bei der Figur des Bürgermeisters van Bett, der sich mit seinen Arien wie „Oh, ich bin klug und weise, und mich betrügt man nicht“ als Volldepp erweist.
Bei solchen Vorgesprächen „rattert“ es im Kopf von Barbara Bloch. Sie sammelt Bezüge, Ideen, Hintergründe, um die Ausstattung der Oper zu gestalten. Oskar Schlemmers Triadisches Ballett, Kurt Schwitters‘ Merz-Bau fallen ihr ein, die Avantgarde der Zeit mit Vertretern wie dem Russen Malewitsch (,,Das schwarze Quadrat“) und ganz pragmatische Dinge. Wie bekomme ich, wenn ich ein Atelier als Kernort habe, Auf- und Abgänge hin? Das Bühnenmodell zeigt es: Da liegen Paletten gestapelt wie Stufen.
Über Skizze und Grundriss entwickelt Barbara Bloch ein Modell „als konkrete Visualisierung“. Zu sehen ist ein Raum mit Transportkisten, Bildverpa“ckun“gen, Staffeleien, Arbeitsplätzen — alles rustikal. Steht das Modell, folgen die technischen Zeichnungen, die Stücklisten und alles, was in den Werkstätten umgesetzt wird.
Natürlich sind in den Prozess weitere Mitstreiter eingebunden, angefangen beim musikalischen Leiter, das ist Nezih Se“ckin. Ballett, Maske, Schneiderei, technische Leitung — alle rücken immer näher zusammen, damit die Künstler ein optimales Umfeld finden. Singen und spielen werden Ruth Fiedler, Kirsten Patt, MacKenzie Gallinger, Ulrich Kratz, Steffen Neutze, Dariusz Niemirowicz, Karl Schneider und Volker Tancke. Wenn sie heute Abend auf der Bühne stehen, ist für Iris Ini Gerath der Drops eigentlich gelutscht. Sie kann Koffer packen.
Das wird sie auch in der kommenden Spielzeit, da setzt sie erneut den Schlussstein der Saison. Im Juni 2014 steht auf dem Platz fürs Heitere und Leichte überraschend Mozarts „Zauberflöte“. Aber Sonnabend, 22. Juni, wollen wir erst einmal sehen, wie es dem Zaren so ergeht und dem anderen russischen Peter.