Mittwoch , 28. September 2016
Aktuell
Home | Kultur Lokal | Das Leben könnte so schön sein
3355002.jpg

Das Leben könnte so schön sein

oc Lüneburg. „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm‘ nur viel zu selten dazu“, singt Udo Lindenberg und schrieb ähnlich schon Ödön von Horváth. Am Wochenende zum Beispiel fühlten sich an der Elbe Tausende Harley-Davidson-Knatterköpfe frei wie Easy-Rider-Rocker, bevor sie heute die Verkleidung wechseln und mit Schlips und Kragen Versicherungen verkaufen, Küchen planen und Systeme konfigurieren. Der Konflikt zwischen Pflicht und Kür im Leben ist uralt, und nun wird er wieder auf der Bühne ausgetragen, mit Sang und Klang, mit „Zar und Zimmermann“.

Die Regisseurin Iris Ini Gerath stellt im Theater Lüneburg die Frage von Wunsch und Wirklichkeit ins Zentrum ihrer Fassung von Albert Lortzings Komischer Oper. Dazu verzichtet sie auf die im Original vorgesehene pittoreske Hafenszene, sie versetzt das Stück in ein Berliner Atelier voller Künstler, und der Zar, der wär so gern immer nur Maler.

Es geht schon in der Ouvertüre los, die Nezih Seckin und die auftrumpfenden Sinfoniker mit einem für den gesamten Abend typischen, von Schwung getragenen Einsatz spielen. Da wird dem Zaren die Krone aufgesetzt, der Hermelin auf die Schulter gelegt – und er droht unter der viel zu großen Last zu zerbrechen. Doch dann blendet das Stück mit dem eigentlichen Beginn zurück und hinein in ein Atelier, in dem gearbeitet, gehandelt und gefeiert wird. Mitten drin sitzt Zar Peter und hat – Reminiszenz ans Werft-Szenario des Originals – ein stolzes Schiff gemalt, im Stil der verherrlichenden Marinemaler.

Iris Ini Gerath nutzt die offene Welt der Kunst, um den inneren Zwist des Zaren zu betonen: Er spürt die Pflicht zum Regieren, doch stärker brennt in ihm der Wunsch nach einer tieferen, freien Durchdringung der Welt. Dafür hat die Regisseurin passende Dialoge geschrieben und in die Arientexte eingegriffen. Unterm Strich geht das Konzept auf, die Musik ist ohnehin geduldig. Geblieben ist die Geschichte vom depperten Bürgermeister van Bett, der im falschen Peter den Zaren wähnt. Dieser van Bett ist der polterende Gegenpol zum introvertierten Möchtenichtgern-Herrscher.

Den Zaren singt und spielt der in jeder Hinsicht erschlankte Ulrich Kratz mit viel Sinn für das Psychologische. Der van Bett bekommt vom Gast Dariusz Niemirowicz die passende Statur, auch trägt die Stimme. Bei der Verständlichkeit und der Pointierung aber darf er, mitsamt der Begleitung, noch nachschleifen.

Iris Ini Gerath ist eine überaus genau arbeitende, eine Fülle von kleinen Nebenhandlungen einbauende Regisseurin. Zeitweilig wird es eng auf der Bühne – mit den von Deborah Coombe hervorragend vorbereiteten Chören und mit Francisco Sanchez Martinez‘ Ballett, das auch mal in Kostümen tanzt, die an Oskar Schlemmer erinnern. Solche Anspielungen bieten die Regie und Barbara Blochs Ausstattung oft. Schon in der Eingangssequenz wird Goyas berühmtestes Bild („Die Erschießung der Aufständischen“) zitiert.

So entsteht ein für Auge und Ohr reicher Abend, der dennoch Schwächen des streckenweise seichten Stoffes nicht gänzlich kaschieren kann. Stimmlich ragt Ruth Fiedler bei ihrer Rückkehr ins Ensemble heraus, als überaus selbstbewusste Marie, die mit modischen Kleidern und Pagenkopf auftritt und flirtet, was das Atelier hergibt. Ihren eher biederen Liebhaber – und Holzschuhmaler – Peter Iwanow bringt sie schon mal zum Frustsaufen. Ihn singt und spielt MacKenzie Gallinger auf erfrischende Weise. Karl Schneider kann als französischer Gesandter auftrumpfen, während Volker Tancke den englischen Gegenspieler als etwas alberne Detektiv-Karikatur spielen muss. Steffen Neutze tritt als stiller Strippenzieher für die russischen Mächte auf, Kirsten Patt als Witwe Browe komplettiert die Solistenriege. Allen gilt im ausverkauften Haus lang anhaltender Applaus.